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Historische Ansichtskarten – Quellen zum Alltagsleben und zur Selbstdarstellung des Klosters Waldsassen

Der Münchener Verlag August Zerle produzierte vor gut 100 Jahren eine Ansichtskarten-Serie über das Kloster Waldsassen, die einige Aufschlüsse über das damalige Selbstverständnis des Zisterzienserinnen-Konvents bietet. Art und Auswahl der Motive lassen erkennen, dass eine ganz bestimmte Art von Öffentlichkeitswahrnehmung angestrebt war.

Der Zusammenhang der Bilderfolge ergibt sich aus einer fortlaufenden Reihe von Seriennummern (bisher nachweisbar waren die Nummern 11191 bis 11203), die jeweils auf der Rückseite aufgedruckt sind. Der Vergleich der einzelnen Karten erweist außerdem, dass es mehrere Auflagen in leicht unterschiedlichen Formaten gab, darunter auch eine Version als Abreißblock, wie charakteristische Zähnungen verraten.

Die älteste der ausgewerteten Postkarten wurde im Jahr 1921 verschickt, die jüngste im Jahr 1936. Entstanden ist die Serie also zu einer Zeit, in der das Frauenkloster auf die Hochblüte seiner Geschichte zusteuerte. 1923 wurde der Grundstein für die Klosterkirche gelegt, die im Jahr darauf konsekriert wurde. Als Oberhaupt des rund hundertköpfigen Konvents sollte die Priorin Richmunda Herrnreither 1925 zur ersten Waldsassener Äbtissin benediziert werden. Als weitere Produkte der medialen Selbstdarstellung wurden danach die Schriften von Sr. M. Leonia Lorenz publiziert. Ihre Deutung der Atlanten im Bibliotheksaal bestimmte für die folgenden sechs Jahrzehnte die Rezeption des Raumes.

Die Motivauswahl und Beschriftung der Bilderserie war sicher vom Kloster gesteuert. Das ist bereits aus dem Umstand ersichtlich, dass der Fotograf in den Klausurbereich eingelassen wurde. Mit den Fakten wurde in der Selbstdarstellung auch damals selektiv umgegangen: Die heutige Stiftsbasilika ist auf Karte Nr. 11191 als Kloster-, nicht aber als Pfarrkirche bezeichnet.

Ein deutlicher Schwerpunkt liegt auf der Bildungsarbeit der Nonnen: Etliche Motive zeigen das Wirken und die Beschaffenheit des „Instituts“, also der Mädchen-Schulen und des Internats. Die pädagogische Arbeit war damals identitätsbestimmend für das Kloster. Sie bildete nicht nur die wirtschaftliche Existenzgrundlage, sondern der Konvent war eigens als Einrichtung zur Mädchenerziehung gegründet worden. 

Sichtlich wurde in den Fotografien eine Balance zwischen klösterlicher Zurückgezogenheit und öffentlicher Wirksamkeit angestrebt. Sind Schwestern auf dem Bild zu sehen, wurde auf Anonymisierung geachtet. Ihre Gesichter sind kaum zu erkennen. Anders ist das im Fall der „Institutszöglinge“, von denen viele identifizierbar wären. Gezeigt werden aber auch Bauten und leere Räume, die ein Gefühl für das (innen)architektonische Ambiente vermitteln sollen.

Bisher konnten nicht alle Motive der Postkarten-Serie ermittelt werden. Es fehlen zumindest die Nummern 11197 und 11198. Angesichts zahlreicher Online-Auktionsportale besteht aber die Hoffnung, dass sich noch weitere Exemplare ausfindig machen lassen.

 

 

Lit.:

Über das Kloster im frühen 20. Jh.:

Pfister, Peter: Der Konvent der Zisterzienserinnenabtei Waldsassen 1864–1960 , in: ders. (Hg.): Die Zisterzienserinnen in Waldsassen. „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“, Regensburg 2020, 293–321.

Weber, Camilla: Die Geschichte des Zisterzienserinnenklosters Waldsassen seit der Gründung im Jahr 1864, in: ebd., 129–149.

Zu Ansichten des Klosters:

Gläßel, Adolf/Treml, Robert: Waldsassen in alten Bildern und Ansichten. Eine Heimat- und Bilderchronik, Waldsassen 1995.

Diess: Waldsassen in alten Bildern und Ansichten. Eine Heimat- und Bilderchronik. 2. Bd., Waldsassen 2005.

Treml, Robert: Das Kloster Waldsassen in historischen Ansichten, in: Pfister, Peter (Hg.): Die Zisterzienserinnen in Waldsassen. „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“, Regensburg 2020, 323–333.

Von Sr. Leonia Lorenz:

Lorenz, M. Leonia: Das Geheimnis des Bibliotheksaales zu Waldsassen. Ein Versuch der Erklärung, Regensburg 1927.

Dies.: Die Stiftskirche von Waldsassen: Beata Maria, Waldsassen 1928.