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P. Chrysostomus Loibl und seine Holzbibliothek

Naturkundliches Sammeln in Waldsassen

Ein Zug der Aufklärung war die ständig zunehmende empirische Beschäftigung mit den Phänomenen der Natur. Dazu trugen die Erfindung von Teleskop und Mikroskop ebenso bei wie der Import von exotischen Naturalien aus fernen Kontinenten. Im späten 18. Jahrhundert ist außerdem eine Hinwendung zu den „vaterländischen“ Naturphänomenen zu konstatieren, ein verstärktes Interesse beispielsweise an Mineralien, Pflanzen oder Insekten aus der eigenen Umgebung.

Die Klosterbewohner, die für sich beanspruchten, Angehörige der Gebildetenschicht zu sein, konnten diesen Trend nicht ignorieren. Im Studienbetrieb der Orden wurde die Experimentalphysik üblich, und in „mathematischen Armarien“ und Naturalienkabinetten wurden physikalische Instrumente und tierische, pflanzliche und mineralogische Objekte gesammelt.

Die Abtei Waldsassen hatte an dieser aufklärerisch geprägten klösterlichen Wissenschaftskultur zunächst wenig Anteil. Der 1756 gewählte Abt Wigand Deltsch versuchte seine Mönche von den geistigen Entwicklungen der Zeit abzuschirmen. Seine Haltung erwies sich als so unzeitgemäß, dass man ihn 1786 entmachtete, indem man ihm den Prior als Koadministrator an die Seite stellte.

Nun brach sich im Kloster ein aufgestautes Reformbedürfnis Bahn. Im Hausstudium wurden die Schriften aktueller Philosophen wie beispielsweise Wolff, Rousseau oder Kant einbezogen. Die auszubildenden Kleriker erhielten, wie andernorts längst üblich, Unterricht in Experimentalphysik. Die aufklärerische Sammelkultur wurde zumindest in bescheidenem Rahmen übernommen. Die Quellen präsentieren uns die Kollektion als eine bunte Mischung von Objekten: es waren Bilder verschiedener Art, Mineralien, Muschel- und Schalentiere, Schmetterlinge und physikalische Instrumente vorhanden.

Die Holzbibliothek, von der hier zu sprechen ist, gehört jedoch in einen anderen klösterlichen Kontext. Sie war der Privatbesitz des Mönches Chrysostomus Loibl.

P. Chrysostomus Loibls Leben

Dieser wurde 1742 in Waldthurn geboren. Er legte 1760 die Profess in Waldsassen ab und konnte 1767 seine Primiz feiern. Im Laufe seines monastischen Lebens wurden ihm recht unterschiedliche, teils pastorale und teils ökonomische Aufgaben zugeteilt. Er war Prediger, Kooperator in Tirschenreuth und vier Jahre Pfarrvikar in Schwarzenbach, aber auch Fischmeister in Tirschenreuth, Kastenmeister in Weiden und Bursar im Kloster. Nach der Klosteraufhebung kam ihm die Aufgabe zu, zusammen mit einem jungen Mitbruder die Klosterarchivalien zu verzeichnen, die dann nach Amberg abgeführt wurden. Loibl verblieb offenbar bis zu seinem Tod im Jahr 1815 am Ort. Die Waldsassener Almosenstiftung bedachte er mit einem Teil seines Nachlasses. 

Loibls Profil innerhalb des Konvents bleibt angesichts dieser wenigen Informationen sehr undeutlich. An dem Bildungsaufbruch, der in Waldsassen ab dem Jahr 1786 zu konstatieren ist, war er nicht wahrnehmbar beteiligt. So ist es bemerkenswert, dass sich in seinem Besitz eine Holzbibliothek befand, die er aus seinem Privatvermögen bezahlt hatte – mit 14 Dukaten und einem weiteren für den Transport. Das war das halbe Jahresgehalt eines Handwerkers.

Nach der Säkularisation 1803 kaufte ihm der Aufhebungskommissär die Sammlung für fast 50 Gulden ab. Sie wanderte nun als Lehrmedium in das Amberger Schullehrer-Seminar, 1885 in die Forstliche Versuchsanstalt München. Heute steht sie in der Holzforschung der TU München.

Die „Loiblische Holz-Bibliothek“

Das Loiblsche Exemplar war eines von etlichen, die der in Ebersberg als Seelsorger tätige Niederaltaicher Benediktiner Candidus Huber (1747–1813) angefertigt hatte. Etwa ein Dutzend von ihnen ist noch erhalten.

Holzbibliotheken oder Xylotheken sind spezielle Formen von Baum-Herbarien. Jeder Spezies ist eine eigene Holzschatullen vorbehalten, die äußerlich wie ein Buch gestaltet ist. Der Buchrücken besteht aus der Borke des jeweiligen Gehölzes. Das Kästchen ist wie ein Buch aufzuklappen, im Inneren werden Pflanzenteile – Blätter, Zweige, Blüten, Früchte, Samen, Holzmasertäfelchen, Harztropfen – sichtbar, manchmal auch vergesellschaftete Insekten, Moose, Flechten und Pilze. Huber unterteilte die Holzarten in verschiedene Klassen, die er durch verschiedene Kassettengrößen kenntlich machte. Das höchste Format war dem Bauholz vorbehalten, es folgten weitere Hölzer in absteigender Größe bis hinunter beispielsweise zu Heidelbeere und Erica als Angehörige der untersten Kategorie.

Begleitend zu seinen Xylotheken verfasste Huber 1793 eine „Kurzgefaßte Naturgeschichte der vorzüglichsten baierschen Holzarten“. Insofern sind seine Holzbibliotheken als Begleitmedium zu einem Lehrwerk anzusehen.

Als Scheinbibliotheken haben Xylotheken aber auch einen ästhetischen und symbolischen Mehrwert. Bücher und Bibliotheken als Zeichen repräsentierten im 18. Jahrhundert Wissensspeicherung und Selbstdarstellung, sie waren die Verkörperung kulturellen Kapitals schlechthin. Buchbesitz war Ausdruck und Demonstration von Gelehrsamkeit – auch der Besitz von Xylotheken.

Der Erwerb der Holzbibliothek durch Loibl lässt sich ungefähr datieren. P. Huber bot 1791 Sammlungen mit 100 Spezies an, 1793 solche mit 112 und 1794 mit 150 Arten. Das Waldsassener Exemplar, das ursprünglich 127 Bände umfasste (117 sind noch erhalten) dürfte daher nach 1793 nach Waldsassen gekommen sein.

Loibls Interessen

Wir kennen keine Ego-Dokumente von Loibl und keine Zeugnisse anderer Autoren über ihn. Über die Motive für seine teure Anschaffung können wir daher nur spekulieren. Hatte er ein aufgabenbezogenes Interesse an der Holzbibliothek aufgrund seiner Tätigkeiten in der Klosterökonomie? Doch warum beschaffte er sie sich dann auf eigene Kosten? Vielleicht haben wir es eher mit einer Liebhaberei zu tun. Im späten 18. Jahrhundert lässt sich bei den Mönchen ein Trend zur privaten Freizeitgestaltung und zur Pflege von „Hobbys“ konstatieren. Vielleicht hat Loibl sich eher in solchen Mußestunden seiner Xylothek gewidmet. Eine reizvolle Beschäftigung war das allemal und wäre es auch heute noch.

 

Literatur:

Binhack, Franz: Geschichte des Cisterzienserstiftes Waldsassen von der Wiederherstellung des Klosters (1661) bis zum Tode des Abtes Alexander (1756) nach Manuskripten des P. Dionysius Huber, Regensburg - Amberg 1888, 157 (über die Waldsassener Sammlungen).

Ders.: Geschichte des Cisterzienser-Stiftes Waldsassen unter dem Abte Athanasius Hettenkofer vom Jahre 1800 bis zur Säkularisation (1803) nach handschriftlichen Quellen bearbeitet (Programm des K. Gymnasiums zu Passau 1896/97) Passau 1897, 32f. (über Loibl).

Feuchter-Schawelka, Anne/Grosser, Dietger: Die „Ebersberger Holzbibliothek“ von Candid Huber (1791), in: Feuchter-Schawelka, Anne/Freitag, Winfried/Grosser, Dietger (Hgg.): Der Landkreis Ebersberg. Geschichte und Gegenwart. Bd. 8. Alte Holzsammlungen. Die Ebersberger Holzbibliothek: Vorgänger, Vorbilder und Nachfolger, Ebersberg 2001, 52–69.

Grosser, Dietger: Holzsammlungen des 18. Jahrhunderts in Form von Tafeln, Buchblöcken und Plättchen, in: ebd., 37–45.

Grosser, Dietger: Die Holzbibliotheken des Benediktinermönchs Candid Huber am Beispiel des „Waldsassener Exemplars“, in: Res naturae. Die Oberpfälzer Klöster und die Gaben der Schöpfung. Beiträge des 2. Symposions des Kultur- und Begegnungszentrums Abtei Waldsassen vom 17. bis 19. Juni 2005 (Hgg. Manfred Knedlik, Georg Schrott) (Veröffentlichungen des Kultur- und Begegnungszentrums Abtei Waldsassen 2) Kallmünz 2006, 91–104.

 

Gruber, Johann: Die Säkularisation 1802/03 und ihre Folgen, in: Pfister, Peter (Hg.): Die Zisterzienserinnen in Waldsassen. „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“, Regensburg 2020, 117–127, hier: 123.

[Huber, Candidus:] Kurzgefaßte Naturgeschichte der vorzüglichsten baierschen Holzarten nach ihrem verschiedenen Gebrauche in der Landwirthschaft, bey Gewerben, und in Offizinen: als Handbuch für jeden Liebhaber der Forstwissenschaft so wohl, als für die Besitzer der Ebersbergischen Holzbibliothek, München 1793.

Scheglmann, Alfons Maria: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 3. Bd. Die Säkularisation in den 1803 definitiv bayerisch gewesenen oder gewordenen Gebieten. 2. Teil. Die Säkularisation der Zisterzienserabteien, Prämonstratenserabteien, Augustinerchorherrenpropsteien, der übrigen im Jahre 1803 gefallenen Männerklöster und des Doppelklosters Altomünster, Regensburg 1803, 279f. (über Loibl).

Schrott, Georg: „Enzyklopädische Sammellust“ – Naturalienkabinett und Naturkunde im Kloster Waldsassen, in: Spurensuche – Region – Grenzgänge. Festschrift für Franz Busl zum 70. Geburtstag (Hg. Manfred Knedlik) (Heimat – Landkreis Tirschenreuth Sonderband 3) Pressath 2002, 128–145.

Ders.: Krypto-physikotheologische Xylotheken? Funktion und Symbolik der Bibliomorphie in den Holzbibliotheken des Niederaltaicher Benediktiners Candidus Huber, in: qVI aMat sapIentIaM. Festschrift für Walter Lipp zum 70. Geburtstag (Hgg. Franz Meier, Tobias Rößler) Kallmünz 2008, 361–381.

Ders.: Klösterliche Sammelpraxis in der Frühen Neuzeit. Typologie, Geschichte, Funktionen und Deutungen, in: Klösterliche Sammelpraxis in der Frühen Neuzeit (Hgg. ders., Manfred Knedlik) (Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit 9) Nordhausen 2010, 7–71.

Ders.: „GOttes-Gelehrtheit“ und „Welt-Weißheit“. Wissenschaft in den vormodernen Klöstern der Oberen Pfalz, in: Appl, Tobias/Knedlik, Manfred (Hgg.): Oberpfälzer Klosterlandschaft. Die Klöster, Stifte und Kollegien der Oberen Pfalz (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Oberpfalz 2) Regensburg 2016, 143–151.

 

Archivalien:

 

Staatsarchiv Amberg: Generalkommissariat des Mainkreises 40 (Legat für die Waldsassener Almosenstiftung aus dem Nachlass Loibls); Landesdirektion Amberg 694 (Verkauf der Loiblschen Holzbibliothek).

 

Abbildung: Holzforschung München (mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Dietger Grosser)