Im Jahr 1773 wurde die Speinsharter Klosterbibliothek mit einem Deckenfresko versehen. Geplant war außerdem, den Fußboden zu entfernen und so einen zweistöckigen Raum mit umlaufender Galerie zu schaffen. Durch die Architekturmalerei erhielt der Saal eine weitere virtuelle Galerie, über der sich der Himmel zur Dreifaltigkeit und zum göttlichen Licht der Weisheit öffnet.
Die gemalte Scheinbibliothek zeigt Repositorien, in denen cremeweiße Schweinsleder-Bände im üblichen Wandsystem aufgestellt sind. Die roten Rückenschilder sind beschriftet und lassen erkennen, dass hier eine spezifische prämonstratensische Bibliothek zu sehen ist, abgesehen von der Kirchenväter-Literatur ausschließlich mit Schriftstellern des Ordens bestückt. Heute noch erkennbar wären Werke von insgesamt 168 Autoren. Ulrich Leinsle OPraem hat sie im neuen „Speinshartensia“-Band zusammengestellt. Für ihre Auswahl griff der Programm-Erfinder auf den „SPIRITUS LITERARIUS NORBERTINUS“ zurück, ein kurz zuvor erschienenes Nachschlagewerk des Roggenburger Abtes Georg Lienhardt (1717–83) zu den Gelehrten des Ordens von Prémontré und ihren Schriften.
Allerdings sind die gemalten Buchrücken wegen ihrer geringen Größe kaum lesbar. Sie wären es schon gar nicht, wenn man sie vom tiefer gelegenen Stockwerk aus betrachten müsste. Nur auf der geplanten Galerie wäre man dem Fresko nahe genug gewesen, um die Werktitel erkennen und – mit Lienhardts "SPIRITUS LITERARIUS" in der Hand – identifizieren zu können.
Damit stellt sich die Frage nach der Zielgruppe dieser zahlreichen Bildinformationen. Die Speinsharter Bibliothek liegt mitten in der Klausur. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, dass es sich um eine Schaubibliothek handeln sollte, die regelmäßig auch mit Gästen aufgesucht worden wäre. Das hieße, dass primär die Konventualen als Adressaten intendiert waren. Ob sie aber regelmäßig Zugang zur Galerie gehabt hätten, wäre von der geltenden Bibliotheksordnung abhängig gewesen. Denn oft war es in den Klöstern so, dass Bücher allein vom Bibliothekar ausgehoben wurden, um dann andernorts genutzt zu werden. Jedenfalls wären ortsansässigen Chorherren die „Insider“ gewesen, die zumindest mit einem Teil der gemalten Buchtitel auch etwas hätten anfangen können.
Bei alledem muss man sich fragen, ob sich die Funktion des Bildes auf das Zeigen des Schaubaren beschränken sollte. Eher schien es auch um eine symbolische Repräsentation prämonstratensischer Gelehrsamkeit zu gehen, deren Einzelheiten im Konvent gewusst, aber nur bei seltenen Gelegenheiten und nur von den Angehörigen des Klosters gelesen werden konnten.
Sollte es an anderen Orten ähnliche Phänomene geben, wäre eine kurze Nachricht über das Kontaktformular (siehe unten) sehr willkommen.
Für wertvolle Hinweise danke ich herzlich Herrn Prof. em. DDr. Ulrich G. Leinsle OPraem, Schlägl.
Lit.:
Leinsle, Ulrich G.: „Spiritus literarius Norbertinus“. Die „Bestände“ der gemalten Bibliothek in der Abtei Speinshart, in: Analecta Praemonstratensia 100 (2024) 90–122.
Jetzt auch:
Leinsle, Ulrich G.: Die „Bestände“ der gemalten Bibliothek in Speinshart, in: Miscellanea Speinshartensia. Beiträge zur Geschichte der Prämonstratenserabtei Speinshart (Speinshartensia 4), Speinshart 2025, 259–286.
