· 

„Deodats Prüfungen“ – Das spätmittelalterliche Waldsassen in einer Erzählung von Ottmar Lautenschlager

Am Abende des Portiunkulatages im Jahre 1421 verließ ein Jüngling von edlem Anstande und sittiger Geberde die herrliche Kirche des Kloster Waldsassen. Langsam und sinnend schritt er durch die dichten Forsten, welche das Kloster umgaben, seiner Heimath zu. Deodat kommt von der Beichte bei P. Anton denkt über die Buße nach, die ihm der Mönch aufgegeben hat: „Leiden, leiden nicht blos für mich, sondern auch für Andere, [...] gut machen, nicht blos meine Fehler und Sünden, sondern auch die Sünden des Nächsten“. Unterwegs begegnet ihm Kuno, der von seinen Mitmenschen verdächtigt wird, der Mörder von Deodats Vater zu sein. Kuno berichtet, dass ihm wegen seiner Schulden die Zwangsversteigerung seines Gütleins bevorstehe, woraufhin sich Deodat eingedenk seiner Buße spontan bereit erklärt, für ihn zu bürgen, zumal Kuno schwört, am Tod seines Vaters unschuldig zu sein.

So beginnt die Handlung einer Geschichte, die in den „Erzählungen des Priesters Ottmar für Jugend und christliches Volk“ zu finden ist, gedruckt 1836 in München (eine Neuauflage erschien 1841). „Priester Ottmar“ war eines der Pseudonyme von Ottmar (auch: Othmar) Lautenschlager, der 1809 als Sohn eines Amberger Appellationsgerichts-Expeditors geboren wurde, dort das Gymnasium besuchte und am Lyzeum Philosopphie studierte, in München die Theologie. 1833 empfing er die Priesterweihe. An verschiedenen Seelsorgestellen in der Erzdiözese München-Freising erwies er sich wegen seiner chronischen Kränklichlkeit nur als sehr bedingt einsatzfähig. 1878 starb er als Kaplan des Münchener St. Joseph-Spitals. Neben seinem Wirken als Priester war er auch als produktiver Jugendschriftsteller tätig. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Deodats Prüfungen“ war Lautenschlager Erster Kooperator in Geisenhausen.

Auf dem Buchdeckel des vorliegenden Exemplars ist in Prägeschrift vermerkt, dass es als Oeffentlicher Schul-Preis vergeben wurde, auf der Rückseite ist dazu das „Schul-Jahr 1838 angegeben. Dies und die verwendeten Zierelemente des Einbandes verweisen auf die Bayerische Local Schulkommission in München, die über viele Jahre auch andere Bände in dieser Aufmachung als Prüfungsgeschenke herstellen ließ.

Die Erzählung ist wegen ihrer zahlreichen inhaltlichen Wendungen wohl am ehesten der Gattung des Kurzromans zuzuordnen. Charakteristisch ist eine Mischung aus Spannung und Gefahr einerseits und innerer Einkehr andererseits – abgestimmt auf die Zielgruppe männlicher jugendlicher Leser, die in Deodat eine Identifikationsfigur finden sollten. Wenn man die religiös-affirmativen Züge und das erbauliche Ende wegließe, würde sich der Stoff wohl gut für eine Netflix-Historien-Action-Miniserie eignen.

In der Tat muss der Protagonist zahlreiche Prüfungen durchstehen. Um nur die wichtigsten Handlungsschritte aufzuzählen: Deodat wird selbst des Mordes an seinem Vater sowie eines weiteren Mordversuchs verdächtigt, muss sich auf die Suche nach einer verschollenen Grafentochter machen, sich der Annäherungen einer verliebten Wirtsgattin erwehren, entkommt mit Mühe ihrem Brandanschlag, findet nach weiteren Wirren das gesuchte Mädchen, entgeht mit ihr knapp einem Überfall der Hussiten und wird dann doch von ihnen gefangen. Er ist eher bereit, für seinen Glauben zu sterben, als sich den Taboriten anzuschließen, vermag sich aber vor der drohenden Hinrichtung noch zu befreien. Nun kann er die Grafentochter in die Obhut des Klosters Waldsassen überbringen. Beim Bemühen, ihren Vater in Regensburg aufzusuchen, wird er von seinem ärgsten Gegenspieler geblendet, von dem jüdischen Arzt David aber wieder geheilt und kann nun dem Grafen seine verlorene Tochter zuführen. Am Ende tritt Deodat ins Kloster Waldsassen ein und bald auch der mittlerweile konvertierte David. Seite an Seite leben sie bis zu ihrem Ende in der Abtei.

Vorbild für die jugendliche Leserschaft ist Deodat zum einen durch seinen Mut und seinen Einsatz für Hilfsbedürftige und Benachteiligte, zum anderen aber durch seine fortwährende Selbstreflexion. Ein Leitmotiv der Erzählung ist das tiefe Sinnen“, in das er immer wieder verfällt und das ihm zu Selbsttreue und zur Lösung von Konflikten verhilft. 

Das Kloster Waldsassen ist dabei Ausgangs-, Anker- und Zielpunkt von Deodats Bemühungen. Obwohl Lautenschlager wohl nur wenig mit der Geschichte der Abtei vertraut sein konnte – Brenners „Geschichte des Klosters und Stiftes Waldsassen“ erschien erst ein Jahr nach „Deodats Prüfungen“ –, interessierte er sich für die ehemalige Abtei in seiner Oberpfälzer Heimat. In der Stoffauswahl und in der Handlung spiegeln sich so die Klosterpolitik und der anbrechende „Klosterfrühling“ unter König Ludwig I. wider.

Mit Lautenschlagers Schaffen hat sich nach Hans Utz nur der Religionspädagoge Hans Mendl kurz beschäftigt. In seiner Dissertation wird deutlich, dass „Die Erzählungen des Priesters Ottmar“ in einen breiten Strom katholischer Kinder- und Jugendliteratur einzuordnen sind, der dem Theologen Johann Michael Sailer und dem Geistlichen und Schriftsteller Christoph von Schmid wesentliche Impulse verdankte.

Mendl moniert mit Recht Lautenschlagers Hang zu überkomplexer Handlungsführung. Der pädagogischen Verfasserintention entsprechend sind seine Schriften – nicht zuletzt auch „Deodats Prüfungen“ – „durchsetzt mit religiösen Handlungsmustern (Gebet, häufiger Gottesdienst- und Kirchenbesuch, religiöse Gespräche, religiöse Erziehung) [...] und kirchlichem Personal (edle, fromme, heldenmütige Priester, häufig auch Ordensleute [...])“ (S. 336). „Lebensentscheidungen und ethisches Verhalten fußen in der religiösen Lebensausrichtung der Personen, wobei in allen Erzählungen Lautenschlagers dem nächstenfreundlichen, sozial-karitativen Verhalten aufgrund einer christlichen Grundeinstellung ein hoher Wert beigemessen wird“ (S. 337). 

 

Lit:

[Lautenschlager,] Ottmar: Deodats Prüfungen, in: ders.: Die Erzählungen des Priesters Ottmar für Jugend und christliches Volk, München 1836, 83–202 (21841, 82–198).

Dazu:

Mendl, Hans: Literatur als Spiegel christlichen Lebens. Religiöse Kinder- und Jugenderzählungen katholischer Autoren von 1750 bis 1850 (Studien zur Praktischen Theologie 44), St. Ottilien 1995, v. a. 334–338.

Utz, Hans: Ottmar Lautenschlager 1809–1874, in: Die Oberpfalz 45 (1957) 64–70.

Kontakt:

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.