Gastbeitrag von Christian Malzer

Obgleich der Klang von Glocken zu den wichtigsten akustischen Gliederungsmitteln des monastischen Alltags gehört, ist wenig über die mittelalterliche Geschichte dieser Klangkörper in den Oberpfälzer Klöstern bekannt. Mit den neuesten Arbeiten zur Waldsassener Kirchenmusik (2020) und zum musikalischen Erbe des Klosters Speinshart (2023) liegen jedoch aktuelle Arbeiten vor, in denen auch auf die Glocken dieser beiden Ordenshäuser eingegangen wird. Aufgrund der Quellenlage und der Schwerpunkte der beiden Darstellungen ist dabei die Phase des ausgehenden Mittelalters nur knapp gestreift.
Für Waldsassen wird der Blick auf die Folgen des Landshuter Erbfolgekriegs gelenkt. In dessen Kriegsläufen im Jahr 1504 wurde auch die Klosteranlage der Zisterzienser geplündert und der Vierungsturm der Abteikirche in Brand gesteckt. Aus dem Bericht darüber weiß man immerhin, dass damals drei Glocken ein Raub der Flammen wurden. Ob und ggf. wann bzw. woher die zerstörten Stücke ersetzt wurden, war bislang unbekannt.
Drei Nürnberger Quittungen aus dem Jahr 1515
Auch wenn gerade die Zisterzienser in der Frühzeit ihrer Ordensgeschichte den Einsatz von Glocken begrenzten und gar ein Verbot von Glockentürmen für ihre Klöster vorschrieben, gewähren drei Schriftstücke aus dem umfangreichen Bestand der inzwischen digitalisierten Waldsassener Klosterurkunden nun neue Erkenntnisse zur lokalen Geschichte dieser Klangkörper.
Die drei Urkunden aus dem Frühjahr 1515 verweisen in die ersten Jahre der Amtszeit von Abt Andreas Metzl (1512–1524). Im Fokus steht bei allen drei Texten der bereits im November 1514 getätigte Erwerb zweier Glocken durch den Zisterzienserprälaten in der Reichsstadt Nürnberg.
Bei den Schriftstücken handelt es sich um Quittungen für den Waldsassener Abt bzw. den Nürnberger Bürger und Kandelgießer Diettrich Kremer, der für das Kloster als Geldbote fungierte. Dieser Kandelgießer wird auch in den Nürnberger Ratsverlassen des Jahres 1522 erwähnt. Warum gerade er für den Waldsassener Abt agierte, kann aktuell nicht ergründet werden.

Eine Glocke aus der Nürnberger Gießerei von Hans II. Glockengießer
Am 6. Februar 1515 quittierte der Nürnberger Bürger Hans Glockengießer den Erhalt von 22 Gulden und 56 Pfennig aus der Hand Diettrich Kremers „von wegs des gnedigen Herren Abt zu Waltsachssen für Ein glocken" (KU 1087). Den Erhalt der genannten Summe bestätigte Glockengießer am 14. April 1515 nochmals, wobei er jedoch nun auch noch das Kaufdatum konkretisierte: „von wegs des hochwirdigen vnd Gaistlichen Herren Abt zw Waltsachssenfur Ein glocken so sein gnad von mir Erkauft hat Jnn Eratag Nach sant merthen [= 14. November] tag ym 1514 Jar" (KU 1089).
Der Aussteller beider Quittungen ist niemand anderer als Hans II. Glockengießer (etwa 1444–14.7.1521). Er entstammte der wohl bedeutendsten Nürnberger Glockengießerdynastie. Nach dem Tod seines Bruders Andreas übernahm er im Jahr 1480 zunächst das Haus und dann auch die väterliche Gießhütte von Konrad Glockengießer (1410–86). Die seit 1400 gesichert im Besitz der Familie nachweisbare Gießerei (Haus zum Glockenstuhl, heue Königstraße 55) befand sich unweit des Frauentors gegenüber dem Klarakloster. In den Jahren 1486 bis 1521 bewohnte Hans das Haus zum Glockenstuhl, an dem sich bis heute das Familienwappen erhalten hat, welches auch als Siegelmotiv geführt wurde (s. Abb. 2). 1502 bis 1521 war er Genannter und 1497 Gassenhauptmann für den Lorenzer Graben. Bekannt ist er u.a. auch deswegen, weil er die Lehmform für den zum UNESCO-Welterbe zählenden Globus von Martin behaim (1459–1507) herstellte. Unter seinem im Deutschen Glockenatlas verzeichneten Werken wird die 1514 bestellte Glocke nicht aufgeführt, da sie heute als verloren gelten muss.

Eine Glocke aus der Nürnberger Gießerei von Sebald Beheim
Waren die beiden Quittungen von Hans II. Glockengießer über den Erwerb einer Glocke für Waldsassen schon beachtlich genug, offenbart ein weiteres Schriftstück vom 23. April 1515, dass der Zisterzienserabt nur einen Tag nach dem Geschäft mit Glockengießer noch einen weiteren Klangkörper von einer nicht minder prominenten Nürnberger Gießerei erwarb.
Am 23. April 1515 quittierte nämlich Sebolt Peham dem Kandelgießer Diettrich Kremer den Erhalt von „hundert dreijvndfunfczig guldan fyr pfunt fyr pfennig fan wegen des hochwirdigen vnd geystlichen Heren Abt zu waltsachsen fur ein glocken so sein genad fan mir erkauft hat am mitwoch nach martinj [= 15. November] jm 1514 jar" (KU 1090).
Beim Quittungsaussteller handelt es sich um den 1534 verstorbenen bedeutenden NürnbergerBronze- und Geschützgießer Sebald Beheim den Älteren, für den auch belegt ist, dass er Glocken gegossen und in den Raum der heutigen Regierungsbezirke Oberpfalz und Oberfranken verkauft hat. 1511 hatte z.B. der Rat der Stadt Bayreuth Glocken für die Stadtkirche und die Linhardskapelle bei ihm und seinem Vetter bestellt. Die Familie Peheim, Beheim oder Behaim zählte zur Elite der Nürnberger Glocken- und Geschützgießer und hatte ihre Hütte auf der Sebalder Stadtseite am Schießgraben. Zunächst führte Sebald nach 1494 die Gießhütte am Sand gemeinsam mit seinem Vetter Hans. Letzterer wechselte jedoch nach einem Angebot des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen (1463–1525) aus dem Jahr 1506 nach Torgau, um dort als Büchsengießer zu wirken. Sebald, der das Angebot ausgeschlagen hatte, führte fortan die Nürnberger Hütte allein und wurde zum Schöpfer der populärsten Form der Nürnberger Hakenbüchsen. Daneben war er aber auch als Glockengießer tätig. Da er seine Werke jedoch nicht signierte, kommt archivalischen Quellen eine hohe Bedeutung für die Rekonstruktion seines Wirkens als Glockengießer zu.
Die von ihm im April 1515 ausgestellte Quittung legt aufgrund des deutlich höhreren Preises nahe, dass es sich bei der bei ihm erworbenen Glocke um ein größeres Exemplar als bei dem von Hans Glockengoeßer gekauften Stück gehandelt haben muss, sofern man nicht einen gemeinsamen Transport beider Glocken im Verlagsmodell der beiden Nürnberger Meister hinter den in der Quittung erwähnten Transportkosten vermuten will.
Einordnung der neuen Quellenfunde
Für Waldsassen offenbaren die drei erhaltenen Quittungen nicht nur die Kosten für den Bezug der Glocken, sondern auch deren Herkunft aus den bedeutendsten zeitgenössischen Nürnberger Werkstätten Glockengießer und Beheim. Zudem liefern uns die drei Texte Ansatzpunkte für die eingangs berührten Frage nach dem Ersatz der 1504 zerstörten Waldsassener Klangkörper.
Dies ist möglich, da die in den Quittungen dokumentierten Geschäftsabschlüsse schlüssig die chronikalische Darstellung der Klostergeschichte des Humanisten Kaspar Brusch (1518–1557) ergänzen. Brusch berichtet nämlich, dass neben verschiedenen anderen Bauprojekten unter Abt Andreas am 8. Oktober 1517 auch die „Kürch, welche er wider aufgebauth unnd stadlich vollent“ durch den Regensburger Bischof Johann III. von der Pfalz (1507–1538) und den Regensburger Weih- und Titularbischof Petrus Krafft von Hierapolis (1501–1530) geweiht wurde. Der Glockenerwerb kann damit wohl zu Recht als ein Teil der Instandsetzungsarbeiten des 1504 stark beschädigten Sakralbaus gedeutet werden. Die beiden neuen Glocken dürften demnach als Ersatz der zerstörten Kirchenglocken im wiederaufgerichteten Vierungsturm (s. Abb. 1) gedient haben.
Da sich keine der beiden 1514 erworbenen Glocken bis heute in Waldsassen erhalten hat, wird auch keine von ihnen im Deutschen Glockenatlas erwähnt. Die von Beheim gegossene Glocke für die Zisterzienserabtei steht in zeitlicher Nähe zur Glocke für Seubersdorf (Markt Dietenhofen, LK Ansbach, 1515) aus derselben Gießerei.
Bei beiden Klangkörpern dürfte es sich um Minuskelglocken gehandelt haben, die zwischen 1400 und 1540 verbreitet waren. Zudem dürften sich Gestaltungselemente, die aus den erhaltenen Stücken beider Gießereien bekannt sind, auch auf den für Waldsassen bestimmten Glocken wiedergefunden haben.
Unter den sechs Glocken, die das heutige Geläut der ehemaligen Klosterkirche von Waldsassen bilden, findet sich keine der historischen Glocken des 16. Jahrhunderts mehr. Die drei Quittungen stellen auch deshalb unikale Quellen innerhalb des klösterlichen Archivbestandes, da sie in einzigartiger Weise über die Herkunft, den Preis und den Zeitpunkt der Ausstattung der vorbarocken Klosterkirche informieren.
In den Blick rücken damit die Handelsbeziehungen zur Reichsstadt Nürnberg, deren Handwerker und Kunstschaffende damals eine Blütephase erlebten. Diein den drei Schriftstücken greifbaren Geschäftsverhältnisse bieten demnach auch für die städtische Wirtschafts-, Personen- und Zunftgeschichte bislang unberücksichtigte Quellen.
Verwendete Archivalien:
Staatsarchiv Amberg: Fürstentum Obere Pfalz, Kloster Waldsassen Urkunden 1086, 1087, 1089.
Verwendete Literatur mit Belegstellen:
Beyerstedt, Horst-Dieter: Art. Glockengießer, Familie, in: Diefenbacher, Michael/Endres, Rudolf (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg, Nürnberg 22000, 366.
Knefelkamp, Ulrich: Globus des Martin Behaim, in: Historisches Lexikon Bayerns.
Mummenhoff, Ernst: Das ehemalige Gießhaus oder die Gießhütte am Frauentor, in: ders.: Aufsätze und Vorträge zur Nürnberger Ortsgeschichte, Nürnberg 1931, 296–300.
Röder, Benedikt M.: Kloster Speinshart und sein musikalisches Erbe. Ein Beitrag zur barocken Musik- und Bildungsgeschichte der Prämonstratenserabtei Speinshart, Pressath 2023, 96–101.
Schaper, Christa: Glockengießer, in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), 459–460.
Schaper, Christa: Die Beheim. Eine Geschütz- und Glockengießerfamilie in Nürnberg (1350–1600), in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 51 (1962), 160-213.
Schrott, Georg/Sagstetter, Andreas/Reindl, Josef: Himmlische Klänge. Eine Geschichte der Waldsassener Kirchenmusik, Regensburg 2020, 25f./45f./98.
Thurm, Sigrid: Der Nürnberger Geschützgießer Sebald Beheim und seine Tätigkeit als Glockengießer, in: Das Münster 43 (1990), 159–164.
Thurm, Sigrid: Mittelfranken (Deutscher Glockenatlas), München – Berlin 1973, 21-42/441/455.
Tittmann, Wilfried E.: Die Nürnberger Handfeuerwaffen vom Spätmittelalter bis zum Frühbarock. Der Beitrag Nürnbergs zur militärischen Revolution der frühen Neuzeit 1, Graz 2018, 506–511.
