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Disputationsdrucke aus dem Waldsassener Hausstudium

Die Zerschlagung der Dettelbacher Franziskanerbibliothek hat zwei Waldsassensia auf den Antiquariatsmarkt gespült, nämlich Disputationsdrucke, die 1695 im Hausstudium des Oberpfälzer Zisterzienserklosters entstanden.

Einrichtungen dieser Art können als klostereigene Mini-Hochschulen angesehen werden. Fratres, die für das Priesteramt vorgesehen waren, absolvierten hier ihre Ausbildung in den Fächern Philosophie (als eine Art Grundstudium) und Theologie (als Hauptstudium). Am Ende des philosophischen und des theologischen Kurses mussten die Studenten ihr Können nachweisen. Dies geschah in feierlichen und ritualisierten Veranstaltungen, den „solennen Disputationen“. Unter der Leitung des Professors (des Präses) verteidigten die Studenten (Defendenten) theologische Thesen gegen „Opponenten“. Zu solchen Veranstaltungen wurden üblicherweise Angehörige aus Nachbarkonventen eingeladen, zum Teil auch als Opponenten. So boten die Disputationen den Klöstern die Möglichkeit, sich untereinander über das jeweilige Ausbildungsniveau zu informieren. In vielen Fällen wurden die Thesen und ihre Begründungen in Disputationsschriften gedruckt. Diese sind daher wichtige Quellen zu den Curricula und den Lehrentwicklungen in den Hausstudien.

Bei den Professoren und Präsides der beiden Waldsassener Disputationen handelte es sich überraschenderweise um zwei irische Franziskaner, nämlich um Petrus Marian Murry und Francis O’Devlin (auch: O‘Deulin). Der erste hatte bereits in Bologna und dann in Prag gelehrt und war dort nun Guardian der „Hiberner“, also des irischen Franziskanerkonvents. Der zweite aus derselben Gemeinschaft muss deutlich jünger gewesen sein, er ist 1690 selbst noch als Student nachweisbar. Dass beide Lektoren ihr franziskanisch-scotistisches Curriculum mit nach Waldsassen brachten, scheint dort nicht als gravierendes Hindernis empfunden worden zu sein.

Für die verschiedenen Defendenten wurden individuelle Titelseiten gedruckt. So ist in einer von Murrys Disputation der Waldsassener Mönch Bernhard Lankammerer genannt, in einer anderen Alphons Miller. Von O’Devlins Disputation gibt es Versionen, die die Namen der Fratres Andreas Hees und Anselm Schnaus (des späteren Waldsassener Abtes, im Amt 1710–24) tragen. Die hier vorgestellte Version nennt einen auswärtigen Studenten, nämlich Wilhelm Sölner (Guillelmus Selner), einen Ebracher Mönch, der später ebenfalls Abt wurde (1714–41). Nachforschungen ergaben, dass dieser Theologiekurs von insgesamt mindestens drei Ebracher Klerikern besucht wurde. Eine weitere Ausgabe von Murrys Disputation nennt auf dem Titelblatt als Defendenten nämlich die Fratres Matthäus Bayer und Heinrich Leistenschneyder aus der fränkischen Abtei. So wird zugleich sichtbar, dass das Waldsassener Ordens-Netzwerk nicht auf die Bayerische Provinz der Oberdeutschen Zisterzienerkongregation beschränkt war.

 

Quellen:

Murry, Petrus Marian (Praes.): DISPUTATIONES Theologicæ De Gratia actuali & Sanctificante, De Justificatione & meritis..., Eger 1695.

O‘Devlin, Franciscus (Praes.): THESES THEOLOGICÆ DE FIDE, SPE & CHARITATE..., Eger 1695.

 

Lit.:

Leinsle, Ulrich G./Schrott, Georg: Das Waldsassener Hausstudium, in: Analecta Cisterciensia 70 (2020) 454–505.

PařezJan/Kuchařová, Hedvika: The Irish Franciscans in Prague 1629–1786. History of the Franciscan College of the Immaculate Conception of the Virgin Mary in Prague, Prag 2015.

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