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„Waldsassen grüßt seine Kinder“ – Kleinschrifttum als Quelle zur NS-Zeit

„Der Terror in Eger und seiner Umgebung schlug natürlich seine Wellen auch zu uns in die nahe Grenzstadt herüber. Jeder Tag brachte neue Schreckensnachrichten, Hunderte von Flüchtlingen passierten auf ihrer Flucht auch Waldsassen [...]. Wenn wir nun auch, wie es tatsächlich zu befürchten war, das Los dieser Flüchtlinge hätten teilen und unser liebes Kloster verlassen müssen, nicht wissend, ob und in welchem Zustand wir es wiederfinden werden? [...] In der darauffolgenden Woche, namentlich vom 3.–5. Oktober, da der Einmarsch unsrer Truppen ins Egerland von Waldsassen aus sich vollzog, bot unser Städtchen ein Bild bewegten Lebens [...]. Auch im Kloster, nämlich im jetzigen Turnsaal, hatten wir Einquartierung, wie vorher schon einmal der Mitterhof einen Teil des Grenzschutzes aufgenommen hatte und die früheren Volksschulen unterm Bibliotheksaal als Lazarette hergerichtet waren. [...] Nun sind wir in Waldsassen nicht mehr Grenzbewohner und hoffen, daß der liebe Gott, der seine schirmende Vaterhand so gütig über unser Haus gebreitet, uns auch in Zukunft beschütze und unsre teure Klosterheimat erhalten möge, damit dort sein Lob immerfort erschalle im heiligen Chordienst“.

So stellen sich die „Sudetenkrise“ und der Einmarsch der Deutschen in Eger am 3. Oktober 1938 aus der Perspektive einer Waldsassener Zisterzienserin dar. Das Zitat der Zeitzeugin stammt aus der 36-seitigen Broschüre „Waldsassen grüßt seine Kinder“ aus dem Jahr 1938, der ersten Ausgabe einer neuen Schriftenreihe, und ist dem Beitrag „Bilder aus dem Institutsleben“ entnommen. Als „Berichterstatterin“ ist Schwester „M. Johanna Bapt.“ angegeben. Der fromme Wunsch in den letzten Zeilen lässt durchblicken, dass für den Konvent sein Fortbestehen nicht mehr ganz selbstverständlich war. Zu viele Verletzungen des Reichskonkordats hatte es schon gegeben, erst Mitte August 1938 war die klösterliche Mädchenvolksschule aufgehoben worden.

Der Brief verfolgt, wie Sr. Johanna mitteilt, das Ziel, „die Verbindung der ehemaligen Schülerinnen und Zöglinge mit dem Institut immer inniger [zu] gestalten.“ Mehrfach redet auch ein am Beginn des Hefts abgedruckter „Brief an unsre Getreuen“ die Empfängerinnen als „Altwaldassenerinnen“, aber zudem als „Marienkinder“ und als „liebe Sodalin“ an. Dies und der nicht namentlich unterzeichnende Präses (vermutlich ein Waldsassener Ortsgeistlicher oder der damalige Klosterbeichtvater P. Justin Altenhöfer OESA aus Fuchsmühl) deuten speziell auf die Angehörigen der Marianischen Congregation des Klosters hin.

Sein Text enthält manche Passagen, die man als mehr oder weniger versteckt zeitkritisch lesen kann. Wenn die christlichen Heiligen als die „wirklichen Uebermenschen“ bezeichnet werden, „die wie Leuchttürme im Völkermeere stehen und zielweisend und rettend für einzelne, für Familien und Völker geworden sind“, so klingt das wie ein Gegenkonzept zum nationalsozialistischen Führer- und Personenkult. Ähnlich die folgende Stelle: „Ihr hört und leset heutzutage viel vom nordischen Menschen als Edelrasse. In St. Mathilde, der Kaiserin, findet ihr eine deutsche Frau von echter Tugend“. Oder die militaristisch gefärbte Erwähnung „der hl. Ursula Gefährtinnen um ihre mutige, keusche Führerin. Solche Elitetruppe darf unserem Volke niemals fehlen.“ Zu den „drei heiligen Frauen aus deutschem Blut“ gehört schließlich noch die hl. Hedwig von Schlesien. Immer wieder wird deutlich, wie das pastorale Vokabular auch von NS-Jargon kontaminiert ist.

Kleinschrifttum wie dieses führt ein gewisses Schattendasein. Es wird kaum systematisch beforscht und nimmt eine unklare Zwischenstellung zwischen Archivale und Bibliotheksgut ein. Im Gateway Bayern gibt es zum Waldsassener Gruß keinen Treffer, auch nicht zu einem anderen Jahrgang.

Der Bericht von Sr. Johanna hat den Charakter eines Ego-Dokuments. Er bietet verschiedenste Einblicke in den Alltag des Klosters und der Zöglinge, aber auch in Mentalität und Sprachgebrauch der Autorin und Klosterrepräsentantin. Ob es zum ersten Heft Nachfolgejahrgänge gab, dürfte sich im Waldsassener Klosterarchiv ermitteln lassen. Für die Haus-, aber auch für die Stadtgeschichte würden sie sich als nützliche Quellen erweisen, zumal die Erforschung der Waldsassener NS-Zeit noch ziemlich am Anfang steht.

 

Lit.:

Waldsassen grüßt seine Kinder 1 (1938) (aus Privatbesitz).

Zur Zisterzienserinnenabtei in der NS-Zeit:

Weber, Camilla: Die Geschichte des Zisterzienserinnenklosters Waldsassen seit der Gründung im Jahr 1864, in: Pfister, Peter (Hg.): Die Zisterzienserinnen in Waldsassen. „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“, Regensburg 2020, 129–149, hier: 140f.

Pfister, Peter: Der Konvent der Zisterzienserinnenabtei Waldsassen 1864–1960 , in: ders. (Hg.): Die Zisterzienserinnen in Waldsassen. „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“, Regensburg 2020, 293–321, hier: 309–315.

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