Im Jahr 1726 oder 1727 ließ sich in Waldsassen der Drucker Daniel Carl Witz nieder, entweder auf Wunsch oder zumindest mit ausdrücklicher Befürwortung des bibliophilen Abtes Eugen Schmid. In der neu gegründeten Offizin entstanden nicht nur allerlei Gelegenheitsdrucke für die Abtei, sondern auch mehrere von den Mönchen erarbeitete Editionen theologischer Schriften.
Nach Witz‘ Tod im Jahr 1742 übernahm zunächst seine Witwe Maria Ursula den Betrieb, ab 1759 Johann Martin Hölbling, Sohn der Witwe Witz aus erster Ehe. Die Zusammenarbeit mit dem Kloster war mittlerweile deutlich weniger intensiv, Hölbling war weitaus mehr darauf angewiesen, eigene Wege des Geldverdienens zu erschließen. Eine wichtige Möglichkeit bestand in der Produktion von erbaulichem Schrifttum für das „einfache Volk“, beispielsweise verschiedener Ausgaben von Gebetbüchern des populären Kapuziners Martin von Cochem.
Ein ähnliches Werk ist das „Himmlische Jerusalem“ des Ossegger/Oseker Zisterziensers Friedrich Mibes (1658–1722), erstmals 1707 veröffentlicht und vielfach nachgedruckt, auch in Waldsassen. Im Untertitel, dass nämlich das Himmlische Jerusalem „Durch die Mitwürkung des heil. Gebetts stark belagert, und durch Macht und Gewalt desselben glücklich erobert“ werde, wird deutlich eine Sichtweise erkennbar, die sich mit Peter Hersche als „kirchliche Halbmagie“ bezeichnen lässt – die Verheißung von Machtausübung durch das Gebet dient als Kaufargument.

Die meisten Ausgaben des Buches sind durch Grafiken bereichert. Das originelle Frontispiz (hier der Nachstich durch den Verlag Wolff in der Auflage von 1754) nimmt Bezug auf den bildhaften Buchtitel der „Eroberung des Himmlischen Jerusalem“ und zeigt eine Kanonade auf die eschatologische Stadt. Jede Kanone steht für ein Kapitel des Buches, also für eine bestimmte Gruppe von Gebeten.
Mibes‘ Werk wurde zunächst mehrfach in Prag gedruckt. Spätestens 1736 übernahm es der Nürnberger Verlag von Wolffs Erben in sein Sortiment, der etliche weitere Auflage in Sulzbach herstellen ließ, wo die Seidelsche Buchhandlung noch in den 1820er-Jahren schnell hintereinander, nämlich 1827 und 1828, zwei Auflagen auf den Markt brachte. Das zeigt, wie eine barock gebliebene Volksfrömmigkeit auch in dieser Ära noch für Absatzmöglichkeiten sorgte. Selbst das allegorische Frontispiz erachtete man nach wie vor als verkaufsfördernd.
Im Gateway Bayern sind 13 datierte Ausgaben des „Himmlischen Jerusalem“ zwischen 1719 und 1828 erfasst, im Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg z.T. andere und auch frühere, bei manuscriptorium gibt es sieben Treffer, in das vd18 sind bisher erst vier Auflagen übernommen worden. Nirgends aber ist die Waldsassener Version dokumentiert. Das nun bekanntgewordene Exemplar befindet sich in Privatbesitz.
Die älteren Ausgaben aus Prag und Nürnberg/Sulzbach sind aus bibliophiler, kunst- und kirchengeschichtlicher Perspektive wegen ihrer Illustrationen sicher interessanter als die Waldsassener Version. Es liegt auf der Hand, dass Hölbling, dem es um die Erschließung einer Geldquelle ging, die Illustrationen nicht eigens nachstechen lassen konnte.Jedenfalls ergänzt der Neufund aber den Katalog der Waldsassener Druckwerke und wirft ein interessantes Schlaglicht auf einen Aspekt der Frömmigkeitsgeschichte mit ausgeprägter „longue durée“.
Lit.:
Mibes, Friedrich: Himmlisches Jerusalem/ Welches Durch die Mitwürkung des heil. Gebetts stark belagert, und durch Macht und Gewalt desselben glücklich erobert wird: Oder vollständiges Gebeth-Buch/ Darinn Kräftige, tröstliche, und außerlösene Morgens- und Abends, Meß- Vesper, Beicht und Kommunion Gebether: Zum Hochwürdigen Sakrament, bey denen Processionen: Zu der allerheiligsten Dreyfaltigkeit: Zu Christo und seinen bitteren Leiden: Zur Mutter Gottes und denen Heiligen, an allen hohen Festen, an Mirakulosen und Wallfahrts-Orten, bey der Rorate-Meß in Advent, bey dem Miserere in der Fasten, und Dreysigsten. Auch an anderen sonderlichen Festtägen in allerhand Nöthen und Anliegen, für Sterbende und Abgestorbene begriffen sind [...], Waldsassen 1790.
Über Mibes:
Wolf, Jiří: Die Stadt Dux und das Kloster Ossegg in der Zeit des Barocks. Schnittpunkte von Raum und Gedächtnis der Untertanenstadt und des Zisterzienserklosters, in: Orden und Stadt, Orden und ihre Wohltäter (Hgg. Jiři M. Havlík u. a.) (Monastica Historia 4), St. Pölten – Prag 2019, 309–325, hier: 320ff.
Über Hölbling:
Schrott, Georg: Waldsassener Buchdruck im 18. Jahrhundert, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 135 (1995) 85–132, hier: 97ff.
