
Das Waldsassener Zisterzienserinnenkloster besteht seit 1865. Der Konvent verfügt jedoch über eine beträchtliche Zahl an Büchern, die deutlich älter sind. Im Zuge der Renovierung des Bibliotheksaales wurde der Altbestand 2023 katalogisiert. Es zeigte sich, dass allein 1865 Bände vor 1803 hergestellt wurden, dem Jahr, in dem die vorherigen Männerabtei aufgehoben wurde. Bestandsgeschichtliche Kontinuitäten zwischen den beiden Institutionen lassen sich zumindest indirekt belegen (s. u.). Für die bibliothekarische Mikrogeschichte Waldsassens wäre die Büchersammlung ein lohnendes Forschungsobjekt.
Wegen der Renovierungsarbeiten, deren Dauer bis 2027 angesetzt wird, ist sie allerdings eingelagert und derzeit nicht zugänglich. Einen hohen Informationswert hat aber auch schon der Katalog, der digital im Gateway Bayern verfügbar ist. Ohne bibliothekarische Fachkenntnisse kann man den Bestand allerdings nicht anzusteuern. Man muss wissen, dass man in der Erweiterten Suche unter der Rubrik „Bestand“ die Nummer DE-4049 einzugeben hat.
Die dann erscheinende Auflistung hält durchaus Überraschungen bereit. Das älteste ausgewiesene Werk ist ein Frühdrucke aus dem Jahr 1514, Geiler von Kaysersbergs „Passion Des Heren Jesu“. Die nächstjüngeren Drucke sind eine deutschsprachige Dietenberger-Bibel von 1540, Sebastian Francks Weltchronik in der Auflage von 1543 und eine vierbändige Werkausgabe des Johannes Chrysostomus von 1547.
Verzeichnet wurde auch eine Reihe von Handschriften. Dem Titel nach handelt es sich dabei um Manuskripte aus dem Hausstudium (z. B. „De Baptismo et Confirmatione“ oder „Tractatus ... De Jure et Justitia“) und um Liturgica („Proprium de Tempore ad Vigilas et Laudes“, „In Nativitate Domini“ u. a.)
Nicht immer ist die Katalogisierung mit wünschenswerter Präzision erfolgt. So wurde der Kodex „FESTA B V M NEC NON RELIQUUORUM SANCTORUM“ für ein Druckwerk gehalten, versehen mit den Vermerken, dass Erscheinungsort und Verlag „nicht ermittelbar“ seien. Als Erscheinungsjahr wird im Katalogisat „um 1750?““angenommen. Auf dem Titelblatt des Folianten ist allerdings zu lesen, dass er im Waldsassener Noviziat angefertigt wurde. Aus dem Chronogramm auf derselben Seite ergibt sich das Herstellungsjahr 1764. Es handelt sich weder um einen Druck noch um ein Manuskript: Das Buch wurde in Schablonentechnik angefertigt. Dasselbe gilt für die „VIGILIÆ PRO CUNCTIS FESTIVITATIBUS DOMINI“, die laut Chronogramm 1779 schabloniert wurden.
Um das Zustandekommen dieses Konvoluts zu ermitteln, wäre nun eine Provenienz-Erschließung erforderlich, die eine neuerliche Autopsie des Altbestands erforderlich machen würde. Nachgewiesen ist, dass in ihm (1930 oder später) die ehemalige Dekanatsbibliothek Tirschenreuth aufging, die sich großenteils aus dem Nachlass des ehemaligen Waldsassener Paters Johann Baptist Renner (1773–1837) und aus der Pfarrbibliothek Wondreb zusammensetzte, welche bis 1803 von zisterziensischen Seelsorgern formiert wurde. Der „FESTA“-Kodex kam nach der Säkularisation in die Waldsassener Pfarrbibliothek und von dort in den Altbestand der Zisterzienserinnen. Da ein erheblicher Teil aus Homiletica besteht und auch reichlich Zisterziensisches enthalten ist, wird man annehmen können, dass neben Renners Büchern auch Stücke aus Priesternachlässen weiterer Ex-Zisterzienser vorhanden sind. Anhand eventueller Kauf-, Schenkungs- oder Besitzvermerke ließe sich dies überprüfen.
Für hilfreiche Auskünfte danke ich Frau Siglinde Kurz, Provinzialbibliothek Amberg.
Lit.:
Malzer, Christian/Schrott, Georg: Bibliotheksgeschichte des Klosters Waldsassen, in: Schrott, Georg (Hg.): Die Stiftsbibliothek in Waldsassen. Untersuchungen zu Geschichte, Bestand und Rezeption (Vita regularis. Abhandlungen 86), Münster 2024, 3–49, hier: 45–48.
Schrott, Georg: „Ex Bracteographia Waldsassensi“. Schablonierte Choralbücher aus dem Waldsassener Noviziat, in: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte 3 (2018) 9–27.
Ders.: Die Dekanatsbibliothek Tirschenreuth. Ein bisher unbeachteter Buchbestand und seine Geschichte, in: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte 4 (2019) 77–105.
Ders.: Die historische Pfarrbibliothek von Waldsassen – Kirchliche Buchkultur vor und nach der Säkularisation, in: Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg 56 (2022) 173–203.
