Eine ikonographische Parallele
Ab 1766 ließ Abt Otto Prasser (reg. 1761–1792) die Fürstenzeller Klosterbibliothek einrichten, einen reizvollen Rokokoraum, der durch seine Ausstattung einen erheblichen Schauwert besitzt. Markante Gestaltungselemente der Bibliothek sind die Atlanthermen, überlebensgroße Trägerfiguren an den Stützen der Galerie (s. Abb. 1). Über sie schreibt Möseneder: „Ein bekanntes vorangegangenes Beispiel für Atlanten als architekturplastisches Element bietet die Bibliothek des Zisterzienserstifts Waldsassen. Dort schuf Johann Karl Stilp 1724–1727 Atlanten in ganzer Gestalt, die durch ihre diversen Kennzeichnungen als Personifikationen des Narrentums der verkehrten Welt zu deuten sind“ (S. 17f.) (s. Abb. 2). Gesichter und Körper der Fürstenzeller Hermen würden in ihrer Überzeichnung „an Karikaturen grenzen“ (S. 18). Sie „verkörpern [...] variantenreich Möglichkeiten des Lasttragens bzw. der damit verbundenen Leidensexpression – kurzum, sie stellen bildhauerische Herausforderungen dar.“ (ebd.) Das trifft zu einem guten Teil auch auf die Waldsassener Skulpturen zu.
Eine ikonologische Parallele
Daneben gibt es noch eine Ähnlichkeit anderer Art zwischen Waldsassen und Fürstenzell. In der Oberpfälzer Klosterbibliothek sind die Galeriebrüstungen Träger ungewöhnlicher, weil grotesker Motive. Über dem südlichen Galerieaufgang ist die Darstellung eines Tjosts zwischen einem Frosch und einem Flusskrebs zu sehen (s. Abb. 3), eine recht getreue bildhauerische Umsetzung einer Radierung in Christoph Jamnitzers „Neuw Grotteßken Buch“ (1610). Im niederbayerischen Fürstenzell erfreuen sich zwei duellierende Paare besonderer Popularität, Skulpturen, die sich auf dem Emporengeländer über den Treppenaufgängen gegenüberstehen. Das eine Paar kämpft mit Schwertern, das andere aber – mit Würsten (s. Abb. 4 u. 5).
In beiden Fällen haben wir es also mit satirischen Darstellungen von Kämpfern zu tun. In Fürstenzell werden sie als allegorischer Kontrast zwischen dem hinterlistigen und dem ehrlichen Kampf gedeutet, illustrieren also gegensätzliche Möglichkeiten der intellektuellen Auseinandersetzung. Was Abt Eugen Schmid intendierte, als er für Waldsassen den Lanzen-Zweikampf zwischen Frosch und Krebs in Auftrag gab, ist bisher noch nicht gedeutet.
Koinzidenz oder Rezeption?
Möseneder schreibt nicht ausdrücklich, ob er einen direkten Einfluss der Waldsassener Atlanten auf die Fürstenfelder Tragefiguren annimmt. Wenn die Ausstattung in Fürstenzell unter dem Eindruck der Waldsassener Bibliothek entstand, bedeutet das, dass sowohl der Auftraggeber Otto Prasser wie der ausführende Bildhauer, Joseph Deutschmann (1717–87), Kenntnis von der Waldsassener Bibliotheksausstattung haben mussten, entweder durch dort angerfertigte Zeichnungen oder durch Autopsie. Die intensive Vernetzung der Stifte untereinander und die gegenseitige Besuchspraxis, vor allem bei Festlichkeiten, bot zumindest dem Abt vermutlich Gelegenheiten dazu. Vielleicht keimte in Prasser nach einem Aufenthalt in Waldsassen auch die Idee, in seiner Bibliothek einen Streit satirisch darstellen zu lassen.
Als weitere, aber nicht überraschende Parallele beider Bibliotheken ist eine vertikale Lese- und Sinnrichtung anzunehmen – von den Niederungen irdischer Beschwernisse zu höheren Sphären. Das einst sicher vorhandene Deckenbild der Fürstenzeller Bibliothek ging früh verloren. Gemäß der Tradition muss es sich aber um eine Darstellung mit metaphysischen Motiven gehandelt haben – entweder bezogen auf die göttliche oder zumindest auf die profane Weisheit. In Waldsassen stellt das Bibliotheksprogramm einen gedankliche Weg von der Selbsterkenntnis des Menschen in seiner Anfälligkeit für den Hochmut dar, hin zum geistlichen Vorbild des hl. Bernhard im Freskenzyklus an der Decke.
Lit.:
Baumgartl, Edgar: Stiftsbibliothek Waldsassen. Cisterciensische Geistigkeit am Beginn der Aufklärung (Große Kunstführer 157), München – Zürich 1989.
Möseneder, Karl: Die Bibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters Fürstenzell, in: Berchtold, Walter H./Haversath, Johann-Bernhard/Thuringer, Georg A. (Hgg.): Kloster Fürstenzell – Glanz und Gloria?, Fürstenzell 2023, 15–23.
Abbildungsnachweis:
Abb. 1, 4, 5: Josef Sagmeister, Fürstenzell.
Abb. 2, 3: Georg Schrott mit freundlicher Erlaubnis von Frau Äbtissin M. Laetitia Fech, Waldsassen.





