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"Schräge Heimat" – Schräges in Klöstern?

Vor dem Verschenken ein Blick ins Register. Aha: Kastl – Speinshart – Waldsassen! Drei Oberpfälzer Klosterorte werden in dem „völlig andere[n] Ausflugsführer durch Bayern“ gewürdigt. Er trägt den Titel „Schräge Heimat“ und den doppeldeutigen Untertitel „Abgefahrene Sehenswürdigkeiten in Bayern“, erschien 2012 bei Theiss (heute in der WBG) und kostet 14,95 €. Geschrieben ist er von der Sachbuch- und Reiseführer-Autorin Ute Friesen und von dem „Kuriositätenforscher“ Jan Thiemann. Das Duo hat auch noch Bände zu anderen Bundesländern veröffentlicht.

Kastl, Speinshart und Waldsassen also waren schräg genug, um in den Band aufgenommen zu werden. Doch was ist „schräg“?

Speinshart

„Schräg“ ist in Speinshart das Wurzelmuseum Donhauser. „Die über achthundert ausgestellten Baumwurzelstücke aus der Umgebung von Tremmersdorf hat Herr Donhauser allesamt persönlich mit bloßen Händen in Wald und Moor ausgebuddelt.“ Der Finder und Präparator „Wurzelbernd“ führt offenbar gern und launig durch seine Sammlung von „Wurzelviechern“.

„Kuriositäten in der Nähe“ sind u. a. eine Känguruzucht in Pottenstein oder Gladiatorenfahrzeuge bei Megaplay in Grafenwöhr. Weder als schräg noch als kurios gilt das Prämonstratenserkloster Speinshart. Es ist nicht erwähnt. Gott sei Dank?

Kastl

„Schräg“ ist hier die Mumie der Prinzessin Anna in der ehemaligen Klosterkirche. Es handelt sich um den Leichnam der Tochter Ludwigs des Bayern und seiner Frau Beatrix. 1319 starb das Kind gut einjährig, wurde einbalsamiert und in der Kastler Klosterkirche beigesetzt. Die Jesuiten „betteten“ Anna in einen Schrank um. „Da hatte die Mumie ihre Ruhe bis 1966, als ein geschäftstüchtiger Pfarrer nach Kastl kam und den Schrank mit der Mumie außerhalb der kühlen Kirche ins Paradies stellte. Der Schrank wurde elektrifiziert und alle Schaulustigen konnten gegen den Einwurf einer Münze die Mumie beleuchten lassen.“ Konservatorisch war das wohl eine Katastrophe. So hat man neuerdings eine Vitrine in den Schrank eingepasst, um die Mumie besser erhalten und weiterhin zur Schau stellen zu können.

Sonst ist in Kastl nichts schräg. Man kann aber, so eine Empfehlung, beispielsweise nach Amberg weiterfahren und das Luftmuseum besichtigen.

Waldsassen

„Schräg“ sind in Waldsassen die Heiligen Leiber in der Stiftsbasilika. Unter der Überschrift „Adrette Skelette“ stellen die Verfasser eingangs die Frage: „Was tun, wenn man einen Heiligen braucht und keinen hat?“ Ob sie wissen, dass sie hier den satirischen Finger in eine theologische Wunde barocker Volksreligiosität und -mentalität legen – die Lokalisierung und Quantifizierung von Heil? Allerdings müssen die Waldsassener Katakombenheiligen den Autoren Respekt eingeflößt haben, denn sie beschreiben nun vergleichsweise sachlich das Phänomen der Heiligen Leiber in Waldsassen.

„Kuriositäten in der Nähe“ sind die „Riesige Klostergruft in Waldsassen“ und das „Grab der stigmatisierten Theresa Neumann in Konnersreuth“.


Unterm Strich

„Schräg“ sind die Klosterstätten offenbar dort, wo es Tote gibt. Dies entspricht auch der Gesamtlinie des Buches, wie ein Blick auf das übrige Bayern zeigt. In Aldersbach interessiert eine Baumschule (nicht das Kloster), in Kühbach das Baumaschinenmodellmuseum (und nicht das Kloster), in Niederaltaich der Starfighter (...), in Polling ein Raritätenstadl (...), in Tegernsee das Gulbranssonmuseum (...) und auf Frauenwörth – die Heiligen Leiber; in Wessobrunn immerhin die „Heilige Kümmernis“.

Ein frischer, schräger Blick auf die Heimat ist immer inspirierend. Dass Klosterstätten an sich (noch?) nicht als schräg gelten, kann beruhigen. Dass nur das Bizarre, Schauderhafte, „Abgefahrene“ als anziehend an diesen Stätten wirkt, lässt sich mit dem Konzept der Buchreihe begründen. Wer aber den Reiseführer ernst nimmt und sich seinetwegen auf den Weg macht, betritt die Klosterkirchen eventuell nicht mit der Haltung, die dem Ort gemäß wäre. Doch vielleicht kann man auf die Aura (die ästhetische, die historische, die geistliche) der ehemaligen Klosterstätten vertrauen. Womöglich erschließen sich dem einen oder anderen Sensations- oder Kuriositätenpilger doch auch noch andere Potentiale dieser Orte.