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Straßennamen und Klostergeschichte in Waldsassen

Neuerscheinung zur Stadttopographie und Stadtgeschichte

Die soeben vom Gerwig-Kreis Waldsassen e. V. herausgegebene Übersicht über „Die Straßen und Plätze in Waldsassen“ ist ein vornehmlich topographisches und ortsgeschichtliches Werk, dadurch aber auch ein Spiegel der Klostergeschichte. Auf 100 Seiten sind sämtliche Straßen und Plätze in Wort und Bild porträtiert, wobei jeweils das Zustandekommen des Straßennamens kurz erklärt wird. Reizvoll ist die häufige Gegenüberstellung von alten Straßenansichten mit heutigen Fotografien aus ungefähr derselben Perspektive. Oft wird dabei deutlich, wie ältere, kleinteilige und gefälligere Strukturen des öffentlichen Raums mittlerweile längst der „autofreundlichen“ Stadt geopfert wurden – am drastischsten in der Mühlbachgasse: Hier erhalten nur die Straßenschilder noch die Erinnerung an den verfüllten und zugeteerten Bach aufrecht.

Als Leser würde man sich wünschen, über die Etymologie mancher alter Namen aufgeklärt zu werden, die noch auf Flurnamen aus klösterlicher Zeit zurückgehen. Wie kam es zu den Bezeichnungen „Finkenbühl“, „Maierzelch“ oder „Zinkenwehr“?

Rund ein Drittel der im Jahr 2020 existierenden 116 Straßen (98 Straßen und Plätze in Waldsassen, 18 im eingemeindeten Dorf Kondrau) ist übrigens nach Männern benannt, nur vier von ihnen nach Frauen. In Waldsassen sind es die Bergbau-Heilige Barbara, Elsa Brändström und Königin Karoline von Bayern, in Kondrau Antonie Werner, eine frühere Besitzerin der (nun wegen fehlender Wirtschaftlichkeit stillgelegten) „Kondrauer Mineralquellen“.

Bedauerlicherweise ist der Band der Grauen Literatur zuzurechnen. Er entstand als Privatdruck des Gerwig-Kreises. Seine Wahrnehmung in einschlägigen bibliographischen Medien wird daher nur begrenzt sein. Das ist aus Waldsassener Perspektive wohl zu verschmerzen, da die anvisierte Zielgruppe aus Menschen mit engem Ortsbezug besteht. Doch die lokalen Phänomenen weisen in manchen Zügen eine allgemeinere Relevanz auf.

Straßennamen als Erinnerungsspuren der Klostergeschichte

Dass sich die Klostergeschichte in die Topographie eingeschrieben hat, ist sicher ein Phänomen sämtlicher Klosterorte. Im konkreten Fall Waldsassens lässt sich eine Reihe von Beispielen finden. Immer wieder verweisen die Namen auf Strukturen, die entweder noch existieren (Basilikaplatz, Kirchenstraße) oder auch längst verschwunden sind, aber einmal ortsprägend waren.

Die erwähnte Mühlbachgasse erinnert an einen einstigen Haupt-Energie-Lieferanten des Klosters, einen Abzweig von der Wondreb, den die Mönche eigens anlegten. Die Brauhausstraße bewahrt das Gedächtnis an die Klosterbrauerei, deren Produktion 1967 eingestellt wurde. Die Hopfenstraße hat ihren Namen von einem Flurstück, auf dem tatsächlich einmal Hopfen angebaut wurde. Interessant ist der historische Hintergrund der Klostergasse, im Buch etwas unscharf erläutert: Sie „zerteilte einst die Ortschaft Kondrau in zwei Teile mit unterschiedlicher Gerichtsbarkeit bzw. Dienstbarkeiten. Der in Richtung Waldsassen liegende nördliche Teil gehörte zur Pfarrei Münchenreuth, der südliche Teil zur Pfarrei Leonberg. Das Kloster Waldsassen vereinte dann im Mittelalter 1440–1450 beide Ortsteile zum einheitlichen Dorf Kondrau.“ (S. 81)

Straßennamen als Zeugnisse bürgerlicher Geschichtskultur und städtischer Erinnerungspolitik

Straßen sind durch ihre Namen Erinnerungsräume und fester Teil des kulturellen Gedächtnisses eines Ortes. In Waldsassen lässt sich hier beispielsweise ablesen, wie stark die klösterliche Geschichte zu einem Kernbestandteil der bürgerlichen Geschichtskultur und der städtischen Erinnerungspolitik geworden ist. Dass die nach Personen benannten Straßen so sehr männlich dominiert sind, hat hier eine seiner Wurzeln.

Gegründet wurde der Ort von Markgraf Diepold von Vohburg ( Markgraf-Diepold-Straße), der Legende nach durch Umwandlung einer Einsiedler-Gemeinschaft um Gerwig von Volmarstein ( Gerwigstraße) in ein Zisterzienserkloster. Erster Abt  nach der barocken Wiederbegründung war ab 1690 Albert Hausner ( Abt-Albert-Hausner-Straße). Zu dieser Zeit hatte Georg Dientzenhofer ( Georg-Dientzenhofer-Straße) bereits den Bau der Kappl fertiggestellt und am Baubeginn der Stiftskirche mitgewirkt, letzteres zusammen mit Abraham Leuthner ( Leuthnerstraße). Die Stuckierung der Abteikirche besorgte Giovanni Battista Carlone ( Carlonestraße) mit seiner Werkstatt, die Freskierung Jakob Steinfels ( Jakob-Steinfels-Straße). Das Chorgestühl schnitzte Martin Hirsch ( Martin-Hirsch-Straße), die Verkündigungsgruppe auf dem Hochaltar und die Schnitzereien im Bibliotheksaal sind Karl Stilp zu verdanken ( Karl-Stilp-Straße). Fr. Philipp Muttone ( Muttonestraße), ein Mitglied des Konvents, schuf eine Reihe weiterer Bauten im Stiftland. Dass es auch eine Bischof-Senestrey-Straße gibt, hat damit zu tun, dass das Regensburger Oberhaupt maßgeblich an der Gründung des heutigen Frauenklosters beteiligt war.

Gewürdigt werden auch mehrere Autoren, die sich in ihrem Schrifttum besonders der Geschichte Waldsassens zuwandten: Franz Binhack (1836–1915;  Binhackstraße), Michael Doeberl (1861–1928;  Doeberlstraße), Rudolf Langhammer (1889–1958;  Langhammerstraße) und P. Mauritius Linder (1871–1953;  Pater-Mauritius-Straße).

Deutlich wird, dass der (wahrscheinlich immer mehrheitlich katholisch besetzte) Waldsassener Stadtrat als Entscheidungsträger die Benennungen mit ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein vornahm. Der Umstand, dass Stifts- und Ortsgeschichte bis 1803 untrennbar verbunden waren und die Nachwirkungen das Erscheinungsbild von Stadt und Umland bis heute prägen, sollte bewusst im Stadtraum abgebildet werden. Die Benennungen wurden in ausgesprochenen Wohngegenden vorgenommen; im nördlichen Stadtbereich gibt es ein regelrechtes „historisches Viertel“ – im Sinne einer Häufung von Straßen, die nach ortsgeschichtlich bedeutsamen Akteuren heißen. Das lässt erkennen, dass hier nicht Stadtmarketing und Tourismus entscheidungsprägend waren. Eher wurden so Voraussetzungen geschaffen, dass die Bürger gleichsam die historische Erinnerung Waldsassens bewohnen können und sollen.

Freilich werden vielleicht nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner beispielsweise der Muttone- oder Langhammerstraße wissen, an wen da erinnert wird. Im neuen Band des Gerwigkreises können sie es nun nachschlagen – auf einer weiteren Stufe der Erinnerungsfestigung.

Lit.:

Die Straßen und Plätze in Waldsassen. Eine Dokumentation ihrer Geschichte und ihrer Namensgebung in Wort und Bild, Waldsassen 2020.