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„Klosterbibliotheken“ – ein neuer Tagungsband

Soeben ist der Band „Klosterbibliotheken“ erschienen, der sich, wie der Untertitel verrät, mit „Herausforderungen und Lösungsansätze[n] im Umgang mit schriftlichem Kulturerbe“ beschäftigt, also weniger mit Bibliotheksgeschichte als mit der Bewahrung von historischen Bestände und Räumen für die Zukunft. Bei der Schrift handelt es sich um eine Sammlung von Aufsätzen, die bei den ersten „Fachtagen Klosterkultur“ gehalten wurden. Die Veranstaltung fand 2019 in der Stiftsbibliothek Sankt Gallen statt, und zwar in Kooperation mit der Stiftung Kloster Dalheim, einer Institution des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. In Dalheim werden im September 2021 die nächsten Fachtage veranstaltet, dann unter dem Thema „Erlebnis Kloster – Klosterkultur und Museum“.

Ein Ortsregister wäre für Leserinnen und Leser mit regionalem Interessenschwerpunkt hilfreich gewesen. So ist nur dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmen, dass die Oberpfalz in einem Beitrag berücksichtigt ist. Er wurde von Peter Pfister und Sr. Maria Sophia Schlembach OCist verfasst und trägt den Titel „Charme hinter Klostermauern – Die pastorale Funktion der Klosterbibliothek Waldsassen heute“. Die zugehörige Präsentation ist online abrufbar.

Der Aufsatztitel lässt bereits erkennen, dass die Grenze zwischen Sach- und Selbstdarstellung der Abtei nicht ganz scharf gehalten ist. Auffällig ist im Verlauf der Darstellung die Rede vom Amtsantritt von Äbtissin Laetitia Fech als „einem vierten Neubeginn“ (S. 187) in der Geschichte des Klosters. Die Nummerierung bezieht sich auf die drei Waldsassener Klostergründungen im Mittelalter, in der Barockzeit und im 19. Jahrhundert. Hier ist ein Motiv angedeutet, das aus der vormodernen Rhetorik und Panegyrik stammt und dort beispielsweise in der Formulierung „alter fundator“ greifbar ist. Sie wird für verdiente Äbte gebraucht, unter denen es zu monastischen Neuaufbrüchen kam. Würde man aber jeden klösterlichen Aufschwung nach einer Krise in die Nähe einer Neugründung rücken, müsste die Epochengliederung zahlreicher Klostergeschichten neu gefasst werden. In Waldsassen wäre dann beispielsweise für die Beendigung des Drei-Äbte-Schismas 1415, für die Erholung und den Wiederaufbau nach dem Landshuter Erbfolgekrieg 1504 und für die Entmachtung des gegenaufklärerisch eingestellten Abtes Wigand Deltsch im Jahr 1786 eine Einstufung als zweiter, dritter und fünfter Neubeginn in Erwägung zu ziehen.

Dass es neben geschichtlicher Erdung auch an Verbundenheit mit dem vorhandenen Buchbestand fehlt, liegt sicher an der personellen Situation des Klosters, durch die für eine aktive Nutzung oder auch nur bibliothekarische Betreuung die Kapazitäten fehlen. Genutzt wird die Stiftsbibliothek touristisch, museal und pastoral – als Einnahmequelle für die Abtei, als Präsentation eines Kulturerbes und bei dieser Gelegenheit als Ort der Vermittlung monastischer Ideale. Angestrebt wird zumindest eine stärkere Zusammenarbeit mit der Provinzialbibliothek Amberg (die Erbin des Bücherbestandes nach der Säkularisation), die Online-Präsentation von Unikaten (beispielsweise gibt es hier unikale schablonierte Choralbücher aus dem 18. Jahrhundert) sowie die Provenienzforschung. Der Bibliotheksraum ist nämlich keineswegs „ohne Buchaltbestand“ (S. 189). Lässt man den Blick schweifen, erkennt man, dass nicht nur das Depositum von 2000 Bänden aus der Provinzialbibliothek aus der Barockzeit stammt. Vielmehr sind zahlreiche weitere Buchrücken zu erkennen, die Merkmale des 18. Jahrhunderts tragen. Die Bestandsgenese könnte, ähnlich wie in der historischen Pfarrbibliothek Waldsassen, mancherlei Einblicke in die Zeit nach 1803 bieten. Denn nicht wenige Bände dürften aus den Nachlässen von Ex-Zisterziensern stammen. Was Albert Holenstein an anderer Stelle für die Schweizer Klosterbibliotheken formuliert (S. 69), kann auch hier gesagt werden: „Eine wichtige Zielsetzung ist ... die Förderung des Bewusstseins in den Ordensgemeinschaften für das eigene schriftliche Kulturerbe und den sorgfältigen Umgang damit. Grundlegend hierfür ist zunächst die Kenntnis dessen, was sich in der eigenen Büchersammlung befindet.“

Der Tagungsband „Klosterbibliotheken“ beschäftigt sich in seinen vier Sektionen ansonsten exemplarisch mit klösterlichen Bibliotheksbeständen, mit der Erschließung und Nutzung von Klosterbibliotheken, mit der Konservierung von Schriftgut und mit Bibliotheksräumen. Er macht deutlich, dass ein enormes, aber bisher nur teilweise erfasstes Kulturerbe einer schwindenden Zahl von Ordensleuten gegenübersteht, sodass die Zukunftsperspektive für so manchen klösterlichen Buchbestand bedenklich erscheint. Dem steht das wachsende Interesse des Bibliotheks- und Klostertourismus gegenüber, durch den die Konvente mit neuen pastoralen und kulturellen Aufgaben und Chancen konfrontiert sind. Hierzu bietet der Band eine interessante Palette von Fragen und Antworten.

 

Die Publikation:

Klosterbibliotheken. Herausforderungen und Lösungsansätze im Umgang mit schriftlichem Kulturerbe (Hgg. Helga Fabritius / Albert Holenstein) (Fachtage Klosterkultur 1) Sankt Ottilien 2021; darin: Pfister, Peter/Schlembach, Maria Sophia: Charme hinter Klostermauern – Die pastorale Funktion der Klosterbibliothek Waldsassen heute, 185–195.

Zu den Oberpfälzer Klosterbibliotheken siehe auch:

Armarium. Buchkultur in Oberpfälzer Klöstern. Symposion vom 3. bis 4. Juli 2015 veranstaltet von der Provinzialbibliothek Amberg (Hgg. Georg Schrott / Christian Malzer / Manfred Knedlik) Amberg 2016.

Schrott, Georg: Andere Welten. Überlegungen zur Präsentation und Rezeption frühneuzeitlicher Klosterbibliotheken – Waldsassen und andere Beispiele, in: Strategien für die Bibliothek als Ort. Festschrift für Petra Hauke zum 70. Geburtstag (Hgg. Konrad Umlauf/Klaus Ulrich Werner/Andrea Kaufmann) Berlin – Boston 2017, 11–35.