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Frühneuzeitliche Klosterschulen als Karrieresprungbrett

Klösterliche Singknaben-Seminare im 17. und 18. Jahrhundert

Bald nach der Säkularisation 1803 schaute der bayerische Musikhistoriker Felix Lipowsky auf die Musikpraxis der Klöster zurück und schrieb: „Wenn man nach dem Durchschnitte die ehemaligen 70 Abteien in Altbaiern, dann die Seminarien an den Lyceen und Gymnasien nur 4 bis 5 Knaben jährlich annimmt, welche in denselben unentgeldlich verpflegt, dann in der Musik und den Wissenschaften unterrichtet wurden, so ergiebt sich, daß binnen einer Zeit von einem halben Jahrhundert 17500 Kinder unterhalten, und beinahe 8750 gebildete Söhne dem Vaterlande gegeben wurden.“ Die Zahl 8750 ergibt sich aus dem Umstand, dass der Aufenthalt in den Seminarien meist zwei Jahre betrug. Ob danach der Grad der Bildung bei allen Söhnen, die so „dem Vaterlande gegeben wurden“, wirklich hoch war, sei dahingestellt.

Dass es in wohl jedem frühneuzeitlichen bayerischen Stift eine solche Einrichtung gab, beruhte weder auf Uneigennützigkeit noch auf pädagogischen Idealen. Seit in die Musikpraxis der Klöster die Figuralmusik, also die mehrstimmige Musik Einzug gehalten hatte, benötigte man Sänger für die oberen Stimmlagen, da ein gemeinsames Musizieren von Mönchen und Frauen nicht denkbar war. So entstanden bei den Konventen „Zwerg-Gymnasien“ für acht oder mehr Schüler. Als Sopran- und Alt-Sänger aufgenommen wurden Jungen mit erkennbarer musikalischer Begabung.

Für viele Schüler wurden hier die Grundlagen für ein weiteres Fortkommen geschaffen, entweder direkt auf musikalischem Gebiet oder aber als Voraussetzung für den Besuch einer staatlichen Studienanstalt.

Die Musik- und Sozialgeschichte der Singknabenseminare ist noch nicht systematisch untersucht. Vier Beispiele aus der Oberpfalz zeigen, dass sich dies lohnen könnte.

Lit.: Lipowsky, Felix Joseph: Baierisches Musik-Lexikon, München 1811, 292.

Michelfeld: Martin Vogt (1781–1854)

Martin Vogt, der 1781 in Kulmain geboren wurde, besuchte von 1791 bis 1794 das Seminar in Michelfeld, danach das von St. Emmeram in Regensburg. Ab 1799 folgten etliche Wanderjahre, bedingt nicht zuletzt durch die napoleonischen Wirren. Ab 1812 war er Domorganist in Arlesheim, 1823 Musikdirektor in der Kathedrale von St. Gallen und ab 1837 Organist und Chorleiter in Colmar. Dort starb er 1854. Er hinterließ über 300 Kompositionen, von denen einige auch gedruckt wurden

Eine längere Passage in Vogts Autobiographie behandelt seine Schülerjahre in Michelfeld. U. a. schreibt er:

„Um damals in einem Kloster als Singknabe aufgenohmen werden zu können, muste man eine Prüfung im Gesange bestehen, und diese bestand darin, daß man dem Sänger eine Fuge aus den ältesten Zeiten vorlegte, die nur vom einfachen Baß begleitet wurde. Mit wurde diese Prüfung erlassen, da ich als Sänger bekannt war, der treffe was man ihm vorlege.

In diesem Kloster Michelfelden ... waren nun unser 8 Chorknaben, 4 für Sopran und 4 für Alto; Tenore und Basso wurden von Klosterherren gesungen. Wir hatten folgende Ordnung: Sommer und Winter um 5 ½ [Uhr] aufstehen; dan seine Aufgaben lernen bis 7 Uhr; um 7 Uhr Messe nur für die Singknaben, während welcher immer einer abwechselnd die Orgel spielte und die andern mitunter deutsche Lieder sangen. Um ½ 8 Uhr, Frühstück mit einer guten Suppe. Um 8 Uhr, kam der Professor uns Unterricht in der lateinischen und deutschen Sprache zu geben. Um 9 Uhr, war täglich Amt mit Instrumentalmusik. Von 10 bis 11 Uhr, Unterricht in der Instrumentalmusik. Um 11 Uhr, Mittagessen, dann Erholung bis 1 Uhr. Von 1 bis 2, Chor, Clavier und Orgel-Unterricht; von 2 bis 3, wieder lateinisch und deutsch. Um 3, Vesper, an Sonn- und Festtagen musizirt. Von 4 bis 5, Recreation und Abendessen; von 5 bis 6, wieder Unterricht im Clavier und Orgel. Von 6 bis 7, Repetition der Aufgaben für folgenden tag, oder Repetition der Musik, wenn am folgenden tag ein Sonn- oder Festtag war. um 7 Uhr, Nachtessen; dann Recreation und um 9 Uhr ins Bett. ...

Ich bekenne es ganz frei, diesem Kloster habe ich den grösten Theil meiner musikalischen Bildung zu danken. Nicht nur der gröste Theil der Religiosen warenausgezeichnete Musiker, sondern selbst alle Angestellten waren musikalisch, so daß an jedem Sonn- und Festtag wohlbesetzte Musik mit Orchester war. Indessen, wie fast in allen Klöstern Deutschlands, hatten wir Singknaben in diesem Kloster auch keinen Mangel an Schlägen und anderen barbarischen Mißhandlungen. ...

Mit Nahrung und Kleidung waren wir hinlänglich versorgt. An gemeinen Sonntagen hatten wir graue Röcke, kurze Hosen und blaue Strümpfe. An sogenannten Priorfesten, an denen nämlich der Prior das Hochamt hielt, grüne Rücke mit rothen Krägen, grüne Hosen und graue Strümpfe. Am großen Festen oder Prälatenfesten, grüne Rücke mit rothen Krägen und Goldborten darum, grüne Hosen und weiße Strümpfe und Huth mit Goldboren. ...

Ich hatte nun bald zwey Jahr in diesem Kloster zugebracht, und länger als zwey Jahr wurde kein Chorknabe behalten. Von Seite des Klosters Michelfelden wurde ich nun mit Empfehlungsbriefen ins Kloster St. Emmeram in Regensburg versehen“.

Lit.: [Vogt, Martin: Autobiographie, in:] Basler Jahrbuch 1884, 1–99, hier: 7–12 (online: https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1884/1884_0038.html; Zugriff: 29.11.2020); Art. Martin Vogt, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Vogt (Zugriff: 29.11.2020).

Speinshart: Johann Speth (1664 – nach 1720)

In Speinshart wurde 1664 der Lehrersohn Johann Speth geboren. Er erhielt eine Ausbildung in der Singknabenschule des Klosters. 1692 stellte er einen Zyklus von Kompositionen mit dem Titel „ARS MAGNA CONSONI ET DISSONI“ fertig (gedruckt in Augsburg 1693) und wurde daraufhin als Domorganist in Augsburg angestellt. Später arbeitete er in der Kanzlei des Domkapitels.

Lit.: Layer, Adolf/ Rockstroh, Andreas: Art. Speth, Johann, in: MGG Online (Hg. Laurenz Lütteken) Kassel – Stuttgart – New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2006, online 2016 (https://www.mgg-online.com/mgg/stable/24613; Zugriff: 29.11.2020); Art. Johann Speth, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Speth (Zugriff: 30.11.2020).

Walderbach: Johann Nepomuk (von) Ringseis (1785–1880)

Johann Nepomuk Ringseis, der spätere Leibarzt und Reisebegleiter von Kronprinz Ludwig, wurde 1785 in Schwarzhofen geboren. Zu den Stationen seines Schülerlebens gehörte auch das Walderbacher Singknaben-Seminar. Er wurde Arzt, hielt ab 1824 Vorlesungen als Professor für Medizin in München, und wirkte ab 1837 als Abgeordneter in der bayerischen Ständekammer. Bedeutsam war seine Vernetzung mit zahlreichen Romantikern. Er war Mitglied in mehreren Akademien und wurde 1834 in den persönlichen Adelsstand erhoben. Ringseis starb hochbetagt in München.

In Ringseis‘ posthum erschienener Autobiographie, herausgegeben von seiner Tochter Emilie, wird auch von seiner Zeit als Walderbacher Seminarist berichtet:

„Mit etwa neun Jahren kam ich in die Klosterschule der Zisterzienser zu Walderbach, wo ich in Gesellschaft von etwa zehn bis zwölf Schülern zwei Jahre verweilt habe. ... 

In den ersten Wochen musste ich, weil die Plätze im Kloster belegt waren, im Wirtshaus essen; da stiftete mein Vater denn mich ein, und für 4 kr. [Kreuzer] ... erhielt ich Suppe mit Ei oder mit Knödelchen oder Würstchen, dann reichlich Rindfleisch mit Gemüse und endlich Braten oder Mehlspeise. ...

Die Gegenstände des Unterrichts waren biblische und Naturgeschichte, Latein, Griechisch, Arithmetik, Geographie und Musik. In allem diesem unterrichtete uns ein tüchtiger Lehrer und ausgezeichneter Musiker, der obenbesagte Pater Eugen Pausch, früher Gymnasiallehrer in Burghausen. Hier betrieb ich denn außer der Geige noch das Klavierspiel.

Zweimal in der Woche an den Vakanznachmittagen führte Pater Eugen Pausch uns Knaben spazieren, immer in neue Gegenden, in benachbarte Bauernhäuser, wo wir mit Milch bewirthet wurden, oder in das Benediktinerkloster Reichenbach ... Jeden Samstag Nachmittag hingegen hielt er einen religiösen Vortrag, der uns meist innig rührte, wie wir überhaupt diesen unseren Lehrer außerordentlich liebten und ehrten. ...

An hohen Festen, z. B. auf Bernhardi oder zur Kirchweih, machten wir Schüler mit dem Lehrer im großen Festsaal Musik vor den aus der ganzen Umgebung geladenen Honoratioren. ...“

Lit.: Erinnerungen des Johann Nepomuk von Ringseis (Hg. Emilie Ringseis) 1. Bd., Regensburg – Amberg 1886, 20–22; Art. Johann Nepomuk von Ringseis, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Nepomuk_von_Ringseis (Zugriff 30.11.2020).

Waldsassen: Johann Christoph Grünbaum (1787–1870)

Zu den Waldsassener Seminaristen gehörte Johann Christoph Grünbaum (1787–1870) aus Haslau/Haslov im Egerland. Mit acht Jahren wurde er als Diskantist in die Schule aufgenommen. Nach dem Stimmbruch erhielt er in Regensburg eine Ausbildung zum Tenor. Er wurde dort, in Prag und Wien als Opernsänger engagiert und war ab 1823 in Berlin als Gesangslehrer tätig. Musikgeschichtlich bedeutsam wurde er als Übersetzer von Libretti der Komponisten Donizetti, Meyerbeer, Rossini und Verdi sowie von Berlioz’ „Grand traité dinstrumentation et dorchestration modernes“ (1844).

Lit.: Kraus, Eberhard: Mit Orgelklang und Paukenschall. Musikkultur in Oberpfälzer Klöstern (Oberpfälzer Kostbarkeiten) Regensburg 1980, 68; Art. Johann Christoph Grünbaum, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Christoph_Grünbaum (Zugriff: 30.11.2020); Schrott, Georg/Sagstetter, Andreas/Reindl, Josef: Himmlische Klänge. Eine Geschichte der Waldsassener Kirchenmusik, Regensburg 2020, 60.

 

 

 

Abb.: gemeinfrei (jeweils aus den wikipedia-Einträgen).

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