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Elektrizität in Ostbayern – Monastisches Prequel

Elektrisiermaschine und Leidener Flasche im Speinsharter Bibliotheksfresko (Abb.: Werner Telesko, Wien).
Elektrisiermaschine und Leidener Flasche im Speinsharter Bibliotheksfresko (Abb.: Werner Telesko, Wien).

Zylinder-Elektrisiermaschine und Leidener Flasche

In ein Gestell ist ein Glaszylinder eingespannt, der auf einem Lederkissen aufsitzt. Seitlich ist er mit einer Kurbel versehen. Dreht man daran, verursacht die Reibung am Kissen eine elektrische Ladung. Am Konduktor, dem Metallstab links, kann diese abgenommen werden.

Bei dem Apparat handelt es sich um eine Elektrisiermaschine, ein physikalisches Instrument, das sich im Kreise der Gebildeten im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. In den älteren Versionen wurden Glaskugeln verwendet. Erfinder der Zylinder-Elektrisiermaschine war der Regensburger Schottenmönch Andreas Gordon (1712–51), der sie ab 1745 bei seinen Vorlesungen an der Universität Erfurt einsetzte

Vor dem Gerät sieht man eine Leidener Flasche stehen, die älteste Form des Kondensators. Sie konnte mittels der Elektrisiermaschine aufgeladen werden.

Das hier gezeigte Bild ist ein Ausschnitt aus dem Deckenfresko in der Speinsharter Bibliothek, gemalt 1773 von Johann Michael Wild. Dass dort solche Geräte zu sehen sind, bedeutet sicher, dass sie im Kloster auch vorhanden waren und hier mit einem gewissen Besitzerstolz verewigt wurden.

Buchcover des Begleitbandes zur Ausstellung in Theuern.
Buchcover des Begleitbandes zur Ausstellung in Theuern.

Die Elektrifizierung der Oberpfalz

Im Jahr 1882 brannte in einem Amberger Schaufenster die erste Glühlampe der Oberpfalz. Gut hundert Jahre später, nämlich 1985, zeigte das Bergbau- und Industriemuseum in Theuern die Ausstellung „Die Geschichte des Stroms in Ostbayern“. Toni Siegert schrieb dazu das Buch „Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945“, in dem man auch erfährt, dass schon 1851 eine erste elektrische Telegrafenleitung durch die Oberpfalz verlief. Damit begann also die Elektrifizierung der Region. Die Anfänge der Elektrizität in der Oberpfalz lassen sich allerdings, wie das Speinsharter Bibliotheksfresko zeigt, noch einmal ein Jahrhundert früher ausmachen: in den physikalischen Kabinetten der Klöster. Forschungen zur klösterlichen Sammelpraxis haben ergeben, dass Elektrisiermaschinen und weiteres Zubehör zum Standardinventar solcher „mathematischer Armarien“ der Abteien gehörten – auch in der Oberen Pfalz und im Regensburger Raum.

Darstellung physikalischer Apparate in Horvaths „INSTITUTIONES“, links unten eine Kugel-Elektrisiermaschine.
Darstellung physikalischer Apparate in Horvaths „INSTITUTIONES“, links unten eine Kugel-Elektrisiermaschine.

Elektrisches Gerät in Oberpfälzer Klöstern

Neben den Speinsharter Prämonstratensern verfügten auch weitere Abteien in der Oberen Pfalz über Geräte für elektrische Experimente. In Waldsassen ist für 1786 nachweisbar, dass entsprechende Vorführungen zum Curriculum des philosophischen Hausstudiums für die jungen Mönche gehörten. Die Pfarrbibliothek Waldsassen erbte nach dem Tod des ehemaligen Zisterziensers Emmeram Polllinger (1769–1838) dessen Exemplar von Johann Baptist Horvaths „INSTITUTIONES PHYSICÆ PARTICULARIS" (Augsburg 41780), die dieser wohl schon als Student erworben und sich darin auch über elektrische Phänomene belehren lassen hatte.

In Ensdorf experimentierte wahrscheinlich Anselm Desing (1699–1772) mit Elektrizität. Zumindest tat er dies in seiner Zeit als Professor in Salzburg (1736–43). Der „mathematischen Stube“ in Kremsmünster überließ er 1746 eine Elektrisiermaschine, die er für 12 Gulden in Regensburg erstanden hatte. Bei der Ensdorfer Klosteraufhebung fand man im Zuge der Inventarisierung „1 Electricitaet mit 2 Flaschen, nebst 1 Conductor“ und „1 deto kleinere alte Electrizitaet mit einer Glasscheibe“ vor, außerdem „1 [elektrisches] Glockenspiel“„1 Funkenlocker“„2 Elektrische Pistolen“ und „3 Blitzscheiben“.

Ob auch in Reichenbach an Elektrisiermaschinen gekurbelt wurde, wissen wir nicht sicher, doch ist dies sehr wahrscheinlich. Denn im Bibliothekskatalog sind nicht weniger als 28 Titel von Büchern zum Thema Elektrizität verzeichnet.

Abbildung von Geräten für elektromedizinische Experimente in Steiglehners „Beantwortung der Preisfrage über die Analogie der Electricität und des Magnetismus“ von 1780.
Abbildung von Geräten für elektromedizinische Experimente in Steiglehners „Beantwortung der Preisfrage über die Analogie der Electricität und des Magnetismus“ von 1780.

Dass auch in Regensburg, wo ein reger Austausch unter weltlichen und monastischen Gebildeten herrschte, die Elektrizität in den Klöstern Aufmerksamkeit fand, ist fast selbstverständlich. Andreas Gordon, Regensburger Schottenmönch und Erfurter Professor, bereicherte durch Erfindungen und Lehrbücher erheblich das „elektrische Geschehen“ in den physikalischen Armarien und Salons seiner Zeit.

In Sankt Emmeram beschäftigte sich Cölestin Steiglehner (1738–1819) intensiv mit dem elektrischen Phänomenen. Er veröffentlichte Arbeiten über Blitzeinschläge und zur Frage des Zusammenhanges zwischen Magnetismus und Elektrizität. Eine typisch aufklärerische Fragestellung war im 18. Jahrhundert noch nicht so leicht zu beantworten: Welcher Nutzen ließ sich eigentlich aus der Elektrizität ziehen? Steiglehner wurde hier zu einer Art Pionier durch elektromedizinische Experimente. Er konnte nachweisen, dass elektrische Entladungen Lähmungserscheinungen zu lindern vermochten.

Das Kloster Prüfening vor den Toren Regensburgs war nach dem Amtsantritt von Abt Martin Pronath (reg. 1781–1790) um einen hohen Wissens- und Bildungsstandard bemüht. Im 1789 eingerichteten Mathematischen Museum befand sich 1803, verglichen mit anderen bayerischen Abteien, eine weit überdurchschnittliche Zahl von Instrumenten. Bei 16 von 93 Posten des Inventars handelte es sich um elektrischen Apparate und Zubehör.

Strom aus dem Kloster

1911 wurde die Stadt Waldsassen ans Stromnetz angeschlossen und von Eger her versorgt, freilich noch nicht flächendeckend. Die Neukonzeption der Orgel in der ehemaligen Stiftskirche im Jahr 1913/14 war aber bereits mit einer Elektrifizierung verbunden. Wichtiger als die Tretbälge war nun ein Gebläseantrieb von 2 PS zur Winderzeugung. Der Strom dafür kam jedoch nicht aus Eger. In der Waldsassener „Grenz-Zeitung“ vom 14.6.1914 ist zu lesen, dass die Orgel „an das Elektrizitätswerk des hiesigen Klosters angeschlossen“ war. Die Zisterzienserinnen produzierten also damals erst einmal ihren eigenen Strom.

 

Lit.:

Grenz-Zeitung, 29.6.1913 u. 14.6.1914.

Hochadel, Oliver: Öffentliche Wissenschaft. Elektrizität in der deutschen Aufklärung, Göttingen 2003.

Schrott, Georg: „Splendori simul utilitatique“. Naturkundliche Sammlungen in den Klöstern der Oberen Pfalz, in: Res naturae. Die Oberpfälzer Klöster und die Gaben der Schöpfung. Beiträge des 2. Symposions des Kultur- und Begegnungszentrums Abtei Waldsassen vom 17. bis 19. Juni 2005 (Hgg. Manfred Knedlik/Georg Schrott) (Veröffentlichungen des Kultur- und Begegnungszentrums Abtei Waldsassen 2) Kallmünz 2006, 57–89.

Ders.: „Blitzfang“ und „Electricier-Machinen“. Zur klösterlichen Sach- und Wissenskultur in der Zeit der Aufklärung, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 118 (2007) 283–337.

Ders.: Naturkundliche Sammlungen und Aktivitäten im Kloster Prüfening zur Zeit Rupert Kornmanns, in: Abt Rupert Kornmann von Prüfening (1757–1817). Ein Benediktinischer Gelehrter zwischen Aufklärung und Restauration (Hgg. Manfred Knedlik/Georg Schrott) (Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg – Beibände 17) Regensburg 2007, 207–234.

Siegert, Toni: Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945 (Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern Theuern 6) Theuern 21986.

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